Sci-Fi-Serie „Nachts im Paradies“: Ein deutsches „Sin City“

Berlin in der Silvesternacht? So sieht es aus, der verwahrloste, enthemmte und gesetzlose Großstadtmoloch, der einem da zu Beginn der sechsteiligen Miniserie mit dem sarkastischen Titel „Nachts im Paradies“ vorgeführt wird.

Auf die Idee, dass der Handlungsort München sein soll, käme man kaum, wäre da nicht vom Oktoberfest die Rede und hätten die Biergläser nicht Maßkrugformat. Der einzige Darsteller mit der örtlichen Sprachfärbung bleibt Eisi Gulp als Chef eines Taxibetriebs im Niedergang.

„Du bist aber auch ’ne arme Sau! Erst Uber, dann die selbstfahrenden Autos und jetzt auch noch die Air Cabs!“, bekommt sein bester Fahrer gleich zu Beginn zu hören.

Uber kennen wir, die selbstfahrenden Autos sind noch nicht zugelassen und von „Air Cabs“ haben wir noch nie gehört. Wir müssen uns also in einer dystopischen ­Science-Fiction-Erzählung befinden.

Die Serie

„Nachts im Paradies“, ab 8.1. auf ­MagentaTV

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Komisch nur, dass besagter Fahrer in einem BMW E34 unterwegs ist – der wurde zwischen 1988 und 1996 gebaut. Und Jürgen Vogel, der Fahrer, sieht in seinem Outfit aus Bikerjacke und Augenklappe aus wie das Abziehbild Snake Plisskens, dem Protagonisten des 1981er Genreklassikers „Die Klapperschlange“. Nur dass dessen Darsteller Kurt Russell in der Haarmode damals noch andere Wege ging.

Die Fahrgäste sind jedenfalls das Allerletzte, sie prellen Vincent (Vogel) um seinen Lohn, kotzen ihm ins Auto und hacken ihm das Auge aus. Man glaubt sofort, dass der Urheber der Vorlage selbst Taxi gefahren ist und aus eigenen Erfahrungen schöpft.

Man begreift auch, dass die Ästhetik die Bildwelten einer Graphic Novel nachstellt, um die es sich bei der 2019 von Frank Schmolke veröffentlichten Vorlage nämlich handelt.

Ein deutsches „Sin City“, das ist doch mal was! Und zwar etwas, das ARD und ZDF, die in diesen Tagen lieber rührige Auswanderergeschichten von deutschstämmigen Jeans-Erfindern oder einlullende Friedrichstadtpalast-Schmonzetten erzählen, kaum wagen würden.

Die letzte Hure und der letzte Taxifahrer

Gewagt hat es der Streaming-Anbieter Starzplay: „Nachts im Paradies“ sollte dessen erste deutsche Serie werden – deren Premiere er dann allerdings nicht mehr erleben durfte, auch der Nachfolger Lions­gate+ hat sich längst aus dem hiesigen Markt zurückgezogen.

So startet die Serie nach Umwegen nun also bei MagentaTV, während Vincent schon selber nicht mehr daran glaubt, was er einem Fahrgast da erzählt: „Ich mach’ das sowieso nur noch solange, bis meine Künstlerkarriere durchstartet.“

Das tut sie seit 28 Jahren nicht, er nimmt also den Auftrag an, Budur (Birgit Minichmayr) zu chauffieren. Die beiden bilden ein odd couple der düsteren Art: die letzte Hure, die „die letzten Wünsche derer, die schon alles haben“, erfüllt – und der letzte Taxifahrer.

Nach ihnen kommt nichts mehr. „Creator“ Matthias Glasner („Sterben“) ist ein Fachmann fürs Düstere. Seinen Buddy Jürgen Vogel hat er schon als Vergewaltiger („Der freie Wille“) und in einem Fahrerfluchtdrama („Gnade“) eingesetzt, in dem besagte Birgit Minichmayr wiederum dessen Frau spielte.

Was den Zuschauer in dieser aktuellen Serie erwartet: ein wildes, groteskes, ­brutales und rasend schnell erzähltes Potpourri der Motive sowie jede Menge (Film-)Zitate.

Wenn zum Beispiel einmal zwei Männer in offiziellem Auftrag in Vincents Wohnung eindringen, um mit einem XXL-Bohrer nach Holzwürmern zu bohren („wegen der Statik“), dann lässt Terry Gilliams legendäre Science-Fiction-Komödie „Brazil“ von 1985 schwarzhumorig grüßen.

Man könnte die Szene zudem auch als einen Fingerzeig Glasners lesen, das Geschehen, bei aller Düsternis, auch nicht zu ernst zu nehmen. Denn sonst wird die Serie nämlich schnell das, was ARD und ZDF in ihren Programmen um jeden Preis vermeiden wollen: ziemlich fordernd.

  • informationsspiegel

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