Shell-Jugendstudie 2024: Noch ist die Jugend nicht verloren

Berlin taz | Gute Arbeitsmarktaussichten, großes Vertrauen in den Staat und ein durch Toleranz geprägtes Wertebild: Jugendliche blicken laut aktuellen Ergebnissen einer Langzeitstudie zuversichtlich in die Zukunft. „Das ist keine Realitätsverweigerung“, sagte einer der Co-Autoren der Shell-Jugendstudie, Mathias Albert, am Dienstag in Berlin. Jugendliche hätten durchaus ihre Sorgen, die sich auch in ihrem Politikverständnis niederschlagen würden. Doch anders als in vorangegangenen Studien sehen die Au­to­r*in­nen keinen klaren Rechtsruck bei den Jugendlichen.

Die junge Generation sei „pragmatisch optimistisch“, heißt es in der Untersuchung. Als eine der Hauptursachen hierfür sehen die Macher*innen, dass 84 Prozent der Jugendlichen derzeit davon ausgehen, einmal ihre beruflichen Wünsche erfüllen zu können. 92 Prozent gehen davon aus, nach ihrer Berufsausbildung von ihrem Arbeitgeber übernommen zu werden – dieser Wert war noch nie so hoch in der Geschichte der Studie.

Grundsätzlich ist dabei sowohl jungen Männern als auch Frauen eine vielfältige Gesellschaft wichtig – bei Mädchen ist dieser Wunsch aber deutlich stärker ausgeprägt. 72 Prozent der jungen Frauen sprachen sich für eine bunte Gesellschaft aus, während es bei den Männern 56 Prozent waren. Jungs äußerten deutlich stärkere materialistische Wünsche und bewerteten Wettbewerb, Markenkleidung, schnelle Autos positiver, als Frauen es taten.

Als Langzeitprojekt untersucht die Shell Jugendstudie seit 1952 alle vier bis fünf Jahre die Lebenswelten und Perspektiven junger Menschen auf Familie, Beruf und politische Einstellung, wobei der heutige Abfragestandard erst Anfang der 2000er etabliert wurde. Für die 19. Jugendstudie wurden zu Beginn des Jahres 2.509 repräsentativ ausgewählte 12- bis 25-Jährige befragt.

Generation Greta ist over

Die letzte Studie wurde 2019 herausgegeben. Während damals alle von der progressiven „Generation Greta“ sprachen und Fridays for Future an ihrem Höhepunkt waren, hat sich der Zeitgeist gewandelt. Dazwischen liegen eine Pandemie und eine Welt voller Kriege, die sich geopolitisch neu ordnet.

Damit haben sich auch die Ängste verschoben. Es ist nicht so, als würde im Gegensatz zu 2019 etwa der Klimawandel keine Rolle mehr spielen. Nur sticht er nicht mehr so heraus. Das tun nun andere Krisen. Die Angst vor Kriegen, ob in der Ukraine oder im Nahen Osten, ist so groß wie nie. Sie hat sich fast verdoppelt von 46 auf 81 Prozent. Dazu kommt die Sorge um die wirtschaftliche Lage und Angst vor Armut. Und auch die wachsende zwischenmenschliche Feindseligkeit beunruhigt junge Menschen. Dabei ist auch die Angst vor Ausländerfeindlichkeit gewachsen und deutlich größer als die Angst vor Zuwanderung: 58 Prozent äußerten die Furcht vor rassistischer Gewalt, während 34 Prozent sich wegen der Zuwanderung in Deutschland sorgten – dieser Wert ist im Vergleich zu vor fünf Jahren fast unverändert.

Die Weltlage macht den 12 bis 25-Jährigen zwar Angst. Aber sie bewahren einen durchaus differenzierten Blick. Als Generation, die Krieg nie selbst erleben musste, hat sie ihm eine kritische Haltung gegenüber. So befürworten die jungen Menschen jeweils zu 60 Prozent die NATO und sehen Russland als Aggressor, der bestraft werden müsse. Waffenlieferungen und militärischer Unterstützung stehen sie aber wesentlich kritischer gegenüber.

Nur die Hälfte befürworten die Forderung, Deutschland sollte die Ukraine militärisch unterstützen. Und der Anteil der Gegenstimmen liegt wesentlich höher. Wenn es um die Frage geht, ob Deutschland eine besondere Verpflichtung gegenüber Israel hätte, spalten sich die Meinungen zu je einem Drittel. Allgemein wird die Notwendigkeit fürs Militär gesehen, gleichzeitig wünschen sich viele einen Weg aus den Konflikten aufgezeigt zu bekommen. Da bleibt die Frage, ob die etablierten Parteien genug darauf eingehen.

Politisches Interesse hoch

In den derzeit bewegten Zeiten sind junge Erwachsene nicht ermüdet von der Politik. Sie sind interessierter denn je. Je­de*r zweite ist politisch interessiert und auch das Engagement wächst weiterhin. Sie glauben an die Demokratie und stattliche Institutionen, zugleich misstrauen sie Parteien und Regierung. Dieser Trend ist kein neuer: Auch 2019 war diese Unzufriedenheit mit Parteien und Po­li­ti­ke­r*in­nen zu beobachten.

Studienautorin Gudrun Quenzel sah in ihren Ergebnissen keine großen Differenzen zu einer Untersuchung des Sozialforschers Klaus Hurrelmann, der in diesem Frühjahr einen deutlich pessimistischeren Blick der Jugend zeichnete und ihr einen „deutlichen Rechtsruck“ attestierte. Autoritäre Tendenzen sehen auch die Au­to­r*in­nen der Shell-Studie. Bestimmte Männlichkeitssterotype machen dabei vor allem junge Männer anfälliger für populistische und einfache Antworten, schließt die Studie.

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