Spielfilm „Nürnberg“ im Kino: Im Angesicht des Bösen

Wer hierzulande sozialisiert wurde, zuckt beinahe reflexhaft zusammen, wenn sich Hollywood der deutschen Historie widmet – insbesondere, wenn es um die NS-Zeit geht. Zu oft hat sich gezeigt, was der Name schon verrät: dass sich die Logik der Traumfabrik nur leidlich mit der Gravität verträgt, nach der die Geschichte eigentlich verlangt.

Unweigerlich drängen sich Filme wie das US-Remake von „Jakob der Lügner“ mit Robin Williams auf, das die Abgründe der Schoah in ein fast märchenhaftes Hoffnungsnarrativ überführt; oder an „Operation Walküre“, in dem der militärische Widerstand mit Tom Cruise zum spannungsgeladenen Heldenepos verflacht wird.

Auch „Die Bücherdiebin“ übersetzt historische Härte entlang klar geführter affektiver Leitlinien in wohltemperierte Emotionalität – als ließen sich die Zumutungen der Geschichte so einhegen und leichter konsumierbar machen. Als sollte das das Ziel sein! Vielleicht braucht es aber gerade eine solche filmischen Vorprägung, um nun von „Nürnberg“ positiv überrascht zu werden.

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Der Film

„Nürnberg“. Regie: James Vanderbilt. Mit Russell Crowe, Rami Malek u.a. USA 2025, 148 Min.

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Vorweg sei gesagt: Auch dieser Film, der sich den Hauptkriegsverbrecherprozessen von 1945 widmet, entspricht nicht den Idealen einer auf historische Genauigkeit bedachten Erinnerungskultur. Und auch Regisseur James Vanderbilt („Der Moment der Wahrheit“) kommt nicht ohne künstlich überhöhte Bilder aus. Das Geschehen überzieht ein blau-beiger Farbfilter, wodurch vor allem Außenaufnahmen verfremdet wirken – obwohl teils sogar in der titelgebenden Stadt gedreht wurde.

Keine Comic-Schurken

Auch kommt eine von Brian Tyler komponierte Musik zum Einsatz, die allzu oft ins Pathetische kippt und die Emotionen des Publikums zu deutlich lenken will. Auf erzählerischer Ebene aber schafft James Vanderbilt etwas Gewichtiges, woran die meisten Mainstream-Produktionen über die Schrecken des Nationalsozialismus scheitern.

Während dort die NS-Verbrecher oft zu stilisierten, comicartig überzeichneten Supergegnern werden, die beinahe einem Marvel-Streifen entsprungen sein könnten, wagt sich „Nürnberg“ tatsächlich näher an einen Gedanken heran, wie ihn Hannah Arendt im Kontext des Eichmann-Prozesses formuliert hat: dass das Böse oft erschreckend banal in Erscheinung tritt und eben keinen Monstern, sondern gewöhnlichen Menschen entspringt.

Dass dies gelingt, hängt stark mit der Perspektive des Historiendramas zusammen: Über knapp 150 Minuten folgt „Nürnberg“ vor allem Dr. Douglas Kelley (Rami Malek), einem Psychiater der US-Armee, der damit beauftragt wird, den geistigen Zustand von Hermann Göring (Russel Crowe) und 21 weiteren hochrangigen Nazis zu überprüfen.

Russel Crowe brilliert

Der Film, der lose auf Jack El-Hais Sachbuch „The Nazi and the Psychiatrist“ basiert, legt seinen Fokus fast ausschließlich auf die Zwiesprache zwischen Kelley und Göring und zeigt aus erster Hand, wie man dessen Charme erliegen kann. Zwar plant der junge Psychiater zunächst nüchtern, Kapital aus den Gesprächen zu schlagen, ein Buch zu veröffentlichen und sich damit ein Vermächtnis als Experte für die Nazi-Psychologie zu sichern.

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Anfangs durchschaut er die Manipulationsversuche des „Reichsmarschalls“ noch, dem sein Titel so sehr viel bedeutet und dem Kelley schnell unverbesserlichen Narzissmus attestiert. Allmählich aber lässt er sich von Görings jovialem Auftreten beeindrucken, seinen entwaffnenden Bonmots und der scheinbar so unbefangenen Art, mit der er Fakten verzerrt, relativiert und lügt.

Dass diese Verführung sich in „Nürnberg“ glaubhaft anfühlt, ist nicht zuletzt Russell Crowes grandioser Schauspielleistung geschuldet. Mit scheinbar müheloser Leichtigkeit changiert er zwischen kumpelhafter Vertraulichkeit und beschwörender Autorität, lässt mit subtilen Gesten das Überlegenheitsgefühl seiner Figur durchschimmern und spricht mit einer sonoren Stimme, die ihm eine natürliche Präsenz verleiht.

Streitbar, aber zielführend

Gerade als man sich fragt, wohin das führen soll, wagt „Nürnberg“ seinen wohl mutigsten, sicherlich auch streitbaren Schritt. Während der Prozesse wurden bekanntermaßen Originalaufnahmen aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern gezeigt – und James Vanderbilt führt sie auch seinem, dem Kinopublikum, vor, fast volle fünf Minuten lang, ohne Musik, in beinahe vollständiger Stille.

Man kann unterschiedlicher Meinung sein, ob ein Spielfilm überhaupt jemals der angemessene Rahmen für diese Bilder sein kann. Die Sequenz aber verfehlt ihre Wirkung nicht. Umgehend ist der Film geerdet. Wo man sich zuvor über Rami Maliks bisweilen überzogenes Spiel oder schräge deutsche Akzente amüsiert haben mag – alles ist verflogen, die Ernsthaftigkeit ins Gedächtnis gerufen, ebenso die Geschichte, die keinerlei Distanz zulässt. Was kann ein Film über Nürnberg Größeres erreichen als genau das?

Wie schade, dass sich ein Film, der eine solche Wirkung zu erzielen vermag, darauf nicht verlässt und in seinen letzten Wendungen noch einmal zu pathosgeladenen Höhenflügen ansetzt. Immerhin aber kehrt „Nürnberg“ am Schluss erneut zu den zeitlosen Erkenntnissen Hannah Arendts zurück: Kelley schreibt sein Buch und vertritt darin die These, dass Totalitarismus überall und jederzeit wieder entstehen kann. Das aber will niemand hören, denn dann wäre man schließlich selbst Teil dieser Gleichung.

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