Hantavirus: Ein Schiff kann nicht landen

Es ist ein uraltes Szenario, eingebrannt in die Menschheitsgeschichte, verstärkt durch literarische Motive: Einem Schiff mit todbringender Krankheit an Bord wird das Anlegen verweigert. Entsprechend groß ist die mediale Aufmerksamkeit, seit Anfang Mai bekannt wurde, dass ein Kreuzfahrtschiff vor Afrikas Küste liegt und sich unter den Passagieren womöglich eine schwerwiegende Viruserkrankung ausbreitet.

Tatsächlich weist der Fall, der inzwischen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) betreut wird, einige Besonderheiten auf, die Vi­ro­lo­g*in­nen aufhorchen lassen. Das Risiko für die Weltbevölkerung gilt aber als gering.

Am 1. April legte die „Hondius“ unter niederländischer Flagge in Ushuaia ab. Ushuaia ist die südlichste Stadt Argentiniens und die Hauptstadt der argentinischen Provinz Feuerland. Die „Hondius“ ist das weltweit erste Kreuzfahrtschiff der Polarklasse 6, gebaut für touristische Reisen mit Expeditionscharakter. Die aktuelle Fahrt sollte zu entlegenen Regionen im Südatlantik führen.

Laut WHO waren an Bord: 147 Menschen aus 23 Nationen der Erde. Unter den Passagieren war auch ein niederländisches Ehepaar, das zuvor bereits Südamerika und insbesondere Argentinien bereist haben soll. Nur wenige Tage nach dem Aufbruch in Feuerland zeigte der Mann mit Fieber, Kopfschmerz und leichtem Durchfall erste Symptome einer Infektion, die sich so rasant verschlechterten, dass er bereits am 11. April an Bord verstarb.

Sein Leichnam wurde am 24. April auf die Insel Sankt Helena, Teil des britischen Überseegebiets, überführt – begleitet von der Ehefrau des Verstorbenen, die ebenfalls bereits erste Symptome zeigte. Noch am selben Tag meldete sich ein weiterer Passagier beim Schiffsarzt, er wurde am 27. April nach Südafrika evakuiert, wo er bis heute auf der Intensivstation liegen soll.

Virus kommt ursprünglich bei Nagetieren vor

Nachdem Tests auf mehrere Atemwegserkrankungen negativ ausgefallen waren, bestätigte sich schließlich am 2. Mai eine Infektion mit dem Hantavirus. Nachdem am selben Tag eine weitere, deutsche Passagierin an Bord des Kreuzfahrtschiffs verstarb, meldete das Vereinigte Königreich eine Häufung von schweren Atemwegserkrankungen und mehreren Todesfällen an die WHO.

In der Zwischenzeit war die niederländische Ehefrau, die in Sankt Helena von Bord gegangen war, ebenfalls nach Südafrika geflogen. Noch im Flugzeug Richtung Johannesburg verschlechterte sich ihr Zustand rapide, am 26. April verstarb sie in der Notaufnahme. Am 4. Mai bestätigte sich auch in ihrem Fall der Verdacht auf das Hantavirus.

Das Hantavirus ist ein Virus, dessen Hauptwirte Nagetiere wie Mäuse und Ratten sind und das in unterschiedlichen Varianten in verschiedenen Regionen der Welt auftritt. Die Tiere selbst erkranken nicht, scheiden das Virus aber aus. Menschen können sich zum Beispiel bei der Beseitigung von Kot oder Kadavern anstecken.

Während etwa die europäischen Virusvarianten nur in sehr seltenen Fällen tödlich verlaufen, sind die in Nord- und Südamerika verbreiteten Viren deutlich gefährlicher. Die in Argentinien in manchen Regionen endemische Andesvirus-Variante kann zum Hantavirus-Lungen-Syndrom führen – mit einer Sterblichkeit von bis zu 50 Prozent.

Fall zeigt Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit

Infektionen mit dem Hantavirus-Lungen-Syndrom werden regelmäßig gemeldet, allerdings handelt es sich in den seltensten Fällen um eine Übertragung von Mensch zu Mensch. Bekannt wurde in Argentinien ein Ausbruch im Jahr 2018, als in einer kleinen Ortschaft ein Infizierter bei einer Familienfeier mehrere Personen ansteckte.

Im Fall des Kreuzfahrtschiffs vermuten Expert*innen, dass sich das niederländische Ehepaar bereits vor Beginn der Reise infiziert haben könnte. Üblicherweise treten Symptome binnen einer bis mehrerer Wochen auf. Die WHO betont allerdings, dass „die meisten routinemäßigen touristischen Aktivitäten nur ein geringes oder gar kein Risiko einer Exposition gegenüber Nagetieren oder deren Exkrementen“ bedeuten. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung trat bislang nur bei sehr engem Kontakt auf.

Der Fall zeigt die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit im Fall eines grenzüberschreitenden Virusausbruchs: Das Gesundheitsministerium in Argentinien überwacht nach eigenem Bekunden nun verstärkt das inländische Infektionsgeschehen – auf Feuerland, wo das Schiff vor über einem Monat ablegte, sei aber noch nie eine Infektion aufgetreten. Die genaue Diagnostik übernehmen zwei virologische Zentren in Afrika. Fluggäste, die mit der später in Johannesburg verstorbenen Passagierin Kontakt gehabt könnten, werden nachverfolgt.

Schiff darf auf den Kanaren anlegen

Die „Hondius“ ankert seit Tagen an der Nordwestküste Afrikas vor Kap Verde. Der Inselstaat sieht sich einer Aufnahme und entsprechenden Überwachung der Passagiere aber nicht gewachsen. Auf einer Sitzung der WHO wurde am Dienstag beschlossen, dass das Schiff stattdessen auf den Kanarischen Inseln, einem Teil Spaniens, anlegen soll.

Dort gibt es eine entsprechend ausgerüstete Klinik. Die kanarische Regierung zeigte sich wenig begeistert, die spanische Gesundheitsministerin bestätigte aber am Mittwochnachmittag die Aufnahme der noch auf dem Schiff verbliebenen, symptomfreien Passagiere.

Ein Passagier, der bereits im April von Bord des Kreuzfahrtschiffs gegangen und zurück in die Schweiz gereist war, ließ sich dort testen und liegt mit bestätigter Hanta-Infektion im Züricher Universitätsklinikum. Drei weitere Passagiere wurden vom Schiff gebracht, zwei seien ernsthaft erkrankt und sollen in den Niederlanden behandelt werden. Eine deutsche Passagierin, die engen Kontakt zu dem an Bord Verstorbenen gehabt hatte, soll in Düsseldorf getestet und gegebenenfalls weiterbehandelt werden.

Laut Martin Eiden, Leiter des Referenzlabors für Hantaviren am Friedrich-Loeffler-Institut, stellt der Ausbruch ein „aus wissenschaftlicher Sicht außergewöhnliches Ereignis dar, insbesondere weil eine mögliche Mensch-zu-Mensch-Übertragung des sogenannten Andes-Hantavirus im Raum steht“. Es handele sich aber um einen lokal begrenzten Vorfall, ohne Anzeichen „für eine neue globale Bedrohung“.

Dennoch, so Eiden, zeige der Vorfall, wie wichtig „internationale Gesundheitsüberwachung, schnelle Diagnostik und transparente Kommunikation bei ungewöhnlichen Infektionsereignissen“ seien.Mitarbeit: María José Dugarte Bernal

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