
D olly Parton und Tim Curry an einem Tag. Das war zu viel für Queers im Internet. „They hit the second tower“, also „Sie haben den zweiten Turm getroffen“, memete man, als Currys Tod verkündet wurde, während man noch um Dolly weinte. „A gay 9/11“, kommentierte ein anderer User den Verlust von gleich zwei Heiligenfiguren der Community.
Der Witz ist so geschmacklos wie zum Brüllen, ein bisschen – und das sage ich voller Liebe – wie die campy Personae der beiden selbst. Geschmacklosigkeit, das hat mir John Waters beigebracht, ist nichts, das man fürchten sollte. Denn um auf interessante Art und Weise geschmacklos zu sein, muss man zunächst guten Geschmack kennen.
Der Tod Tim Currys traf mich so hart wie ein Peitschenhieb Frank’N’Furters. Keinen Film habe ich so oft gesehen wie die Rocky Horror Picture Show – meine parasoziale Beziehung zu Curry habe ich in einer früheren Kolumne bereits erklärt.
Zu Dolly Parton, das merkte ich vergangene Woche, fehlte mir diese Verbindung. Abgesehen von „Islands in the Stream“ und „Jolene“ kannte ich kaum ein Lied von ihr, und auch als Schauspielerin hatte ich sie nicht wirklich wahrgenommen.
Hemmungsloser Kitsch
Also kaufte ich mir Tickets für die Tragikomödie „Steel Magnolias“, auf Deutsch „Magnolien aus Stahl“, die zu ihren Ehren im Odeon-Kino in Schöneberg aufgeführt wurde. Im allerbesten Sinne war es ein echtes Fest der Geschmacklosigkeit.
Dolly Parton spielt im Film die Kosmetikerin Truvy Jones, deren Salon im suburbanen Louisiana ein Versammlungsort für die Frauen der Kleinstadt geworden ist. Dort wird gelästert, gelacht, es werden Geheimnisse ausgeplaudert, frohe Neuigkeiten verbreitet und Trauer verarbeitet.
Der Cast der sich ständig im Salon Tummelnden ist legendär: Olympia Dukakis (Clairee), Shirley MacLaine (Ouiser), Daryl Hannah (Annelle), Julia Roberts (Shelby) und Sally Field (Shelbys Mutter M’Lynn) spielen die Freundinnen, die sich von Truvy hübsch machen und mit Lebensweisheiten füttern lassen.
Der Film ist geradezu hemmungslos in seiner Ästhetik: Es gibt eine pinke Hochzeit mit blütenübersätem Dekor und rosarotem ausgerolltem Teppich. Es gibt Lockenstäbe, Haarspray und übergroße Frisuren. Es gibt Südstaatenakzente, Freundschaft und Getratsche.
Die zuckersüße Welt wird düster
Und hinein in diesen perfekten Kitsch kommt eine Krankheit, die die zuckersüße Welt von „Steel Magnolias“ plötzlich düster werden lässt. Etwa so düster, wie die Welt nun ohne Dolly Parton und Tim Curry ist.
Dolly Parton, den Eindruck habe ich, teilt viel mit ihrer Rolle: Sie wirkt in all ihrem Überschwall höchst authentisch, besitzt diese liebenswürdige Herzlichkeit – und sie kann expertenhaft mit Lockenwicklern umgehen. Ich möchte jedenfalls glauben, Dolly Parton jetzt ein klein wenig besser zu kennen als davor.
Beim Friseur gehöre ich zu denen, die am Smalltalk scheitern, das immer seltsamer aussehende Gesicht im Spiegel anstarren und hoffen, dass alles bald vorbei ist. In Truvy Jones’ Salon würde selbst ich aufweichen. Und am Ende wohl mit einer Lockenpracht nach Hause gehen, die Dolly Parton alle Ehre machen würde.






