Todestag von Ulrike Meinhof: Die vielen Beerdigungen der Ulrike Meinhof

Auf dem Friedhof in Berlin-Mariendorf stehen 4.000 Menschen und tragen Deutschlands bekannteste Terroristin in einem schweren Eichensarg zu Grabe. Neben dickbäuchigen Männern in schwarzen Anzügen stehen langhaarige Möchtegern-Revolutionäre, JournalistInnen klettern auf Grabsteine und halten schwere Kameras und Mikrofone in die Luft.

Es ist der 15. Mai 1976, die Birken rauschen und der Flieder auf dem Sarg leuchtet lila und weiß. Die Familie hatte um Spenden statt Blumen gebeten, trotzdem liegt das Grab übersät mit Tulpen und Vergissmeinnicht (und, wie die späteren Biografie-AutorInnen nicht müde werden zu schreiben, unzähligen Zigarettenstummeln) da.

„Was Ulrike Meinhof umgebracht hat, waren die deutschen Verhältnisse“, sagt der Verleger Klaus Wagenbach an dem noch offenen Grab. Der danach sprechende Priester wird mehr oder minder bei seiner Rede mundtot gebuht. Dann tritt diese seltsame Gesellschaft aus Schaulustigen und Trauernden einen 15 Kilometer langen Marsch an – Gespräche nach einer Beerdigung, die die Bild-Zeitung als „Gegröle und Geheule“ beschreibt, die Beerdigung sei eine „Demonstration des Hasses und des Terrors“, oder, so kann man es ja auch immer nennen, „der linksradikalen Verbrüderung“ gewesen. Zeitungen wie die Süddeutsche sehen das etwas anders, es sei doch alles recht friedlich verlaufen, man stand beisammen und hörte den Reden zu oder sang Wolf Biermann-Lieder.

Einen Tag vor dieser sagenumwogenden Trauerfeier hatten zwei Unbekannte noch versucht, den Leichnam zu stehlen, zumindest seien sie in die Kapelle eingebrochen, in der Meinhof aufgebahrt lag. Einen Friedhof zu finden, der diese RAF-Gründerin unter die Erde bringt, schien auch nicht sonderlich leicht gewesen zu sein. Jetzt wird das unscheinbare Grab 3 A-012-019 nach wie vor mit frischen Blumen geschmückt, zum Beispiel vom Jugendbuch-Star Alois Prinz, der versucht (nach eifrig beschriebenen 300 Biografie-Seiten) einen Abschluss zu finden.

Es muss schwer sein, sich in den unzähligen Dokumenten, Briefen und Artikeln zurechtzufinden, eine Frau zu porträtieren, die einerseits als Deutschlands größte linksradikale Terroristin galt und andererseits als Märtyrerin zu Grabe getragen wurde (der Dichter Erich Fried erklärte sie zur größten deutschen Frau seit Rosa Luxemburg).

Ein zerschnittenes Gehirn

Ulrike Meinhof also, das Hirn der RAF, die einzig Intellektuelle neben dem Comic-lesenden Baader-Macker und der ihm ergebenen Shoppingqueen Enslin – Raspe und die drei M, Mahler, Möller und Meins, lassen wir einmal außen vor. Um ihr Hirn soll es, und das nicht im übertragenen Sinne, auch gehen. Und um die Tatsache, dass Meinhof nicht nur einmal zu Grabe getragen wurde. Es gab in den Zweitausendern noch eine zweite, private Beerdigung, in der Meinhofs eingeäschertes und davor in unzählige Scheiben zerschnittenes und seziertes Gehirn beigesetzt wurde.

Am Ende bleibt: Ein ausgeräumtes Neurologielabor und ein (nun) vollständiges Grab, vor dem Meinhofs Zwillingskinder Bettina und Regine Röhl stehen. Sie wollten es privat halten, ohne Fotos und den 4.000 anderen, die bestimmt noch ein zweites Mal in das abgelegene Mariendorf gefahren wären. Die Odyssee des Meinhof-Gehirns sei nun beendet, schreibt Der Spiegel 2002.

Aber warum das Ganze? Konnte man einer Frau nicht genauso wie dem Fotzen grölenden Baader zutrauen, sich radikal zu politisieren? Waffen zu benutzen? Sicher, es ist keine Kleinigkeit, Pistolen des Kalibers neun Millimeter, eine Maschinenpistole, zwei selbst gefertigte Handgranaten, eine etwa viereinhalb Kilogramm schwere Bombe und zahlreiche gefüllte Magazine und diverse Munition mit sich herumzuschleppen (mit diesem Arsenal nahm man sie 1972 in Langenhagen bei Hannover fest). Und trotzdem, man (und die Betonung liegt hierbei wirklich auf dem „man“) forschte noch viele Jahre nach den möglichen Gründen für Meinhofs Entscheidung, in die Illegalität zu gehen und vor allem ihre Kinder zurückzulassen (Manon Garcia schreibt passend dazu in Die Zeit – wohlgemerkt 2026 und nicht 1970: „In Frankreich ist eher wichtig, dass Frauen sexy sind, in Deutschland, dass sie gute Mütter sind. In Frankreich stehen Frauen daher stärker unter Druck, sich ansprechend zu kleiden. In Deutschland wird von Frauen, wenn sie Mutter werden, erwartet, dass sie aufhören, Individuen zu sein und die Bedürfnisse ihrer Familie immer an erste Stelle setzen. Nur jeder vierte Deutsche findet eine Vollzeitbeschäftigung von Müttern mit Kindern unter drei Jahren für angemessen.“)

Ganz zu schweigen also von einem geplanten Waisenheimaufenthalt in Jordanien, vor dem der Spiegel-Redakteur Stefan Aust die beiden Töchter Meinhofs gerettet hat. Dass eine Frau schreibt: „Der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch … wir haben nicht mit ihm zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“ – Das schien den Männern der Neunzigerjahre ein Rätsel zu sein.

Das Fahndungsplakat hing überall

Wenn man versucht, Erklärungen für Meinhofs Gewaltbereitschaft zu finden, stößt man in ihrer Biografie schnell auf einen monatelangen Krankenhausaufenthalt, bei dem ihr, unter Vollnarkose, ein Blutschwamm, den man fälschlicherweise für einen Tumor hielt, mit Eisenklammern abgeklemmt wurde (ihn herauszuschneiden, war zu risikoreich).

Danach sei sie wohl immer mehr zu einer „Anderen“ geworden. Also ein bisschen à la: vom Protestantenmädchen, das sich durch schnelle Karriere eine Villa in Blankenese kauft und Champagnerbesäufnisse auf Sylt mit der gesamten intellektuellen Hamburger Elite veranstaltet, zu: MORDVERSUCH in Berlin. 10.000 DM BELOHNUNG. Ulrike Meinhof (geschiedene Röhl). Personenbeschreibung: 35 Jahre alt, 165 cm groß, schlank, längliches Gesicht, langes mittelbraunes Haar, braune Augen. – Das Fahndungsplakat, das kurz nach der Baader-Befreiung 1970 überall hing.

Zwei Jahre und vier Morde sowie 54 Mordversuche später wurde Meinhof festgenommen. Obwohl sich die Beamten nicht so sicher waren, ob es sich bei dieser abgemagerten Frau mit kurzen Haaren und schwarzem Röckchen wirklich um die gefürchtete Ulrike Meinhof handelte. Um Licht ins Dunkle zu bringen, ließ man sie (gegen ihren Willen) röntgen, erst auf diesen Radiografien, auf denen die Eisenklammern sichtbar sind, war man sich sicher, die richtige Terroristin gefasst zu haben.

Im Gefängnis, in dem sie sich, vor Stammheim, in der viel diskutierten Isolationshaft befand (bevor sie sich in den Wetthungerstreit mit Baader, Enslin und Meins – der daran starb – begab), wurde mehrfach ein Psychologe in ihre Zelle geschickt, den sie aber unter lautem Protest wieder hinauswarf. Es galt, ihre Zurechnungsfähigkeit festzustellen, aufgrund der Hirnoperation natürlich und dem dadurch entstandenen „Persönlichkeitsbruch“.

1973 wurde schließlich diskutiert, Frau Meinhof erneut neurologisch zu untersuchen. Es sollten ein Szintigramm erstellt und weitere, eventuelle Zwangseingriffe durchgeführt werden, um Frau Meinhof den Kopf quasi wieder richtig herum auf die Schultern zu setzen. Dagegen sprach eine Klage von dreißig Universitätsärzten, die freundlicherweise darauf hinwiesen, dass ein solcher Eingriff bei fehlender akuter Gesundheitsgefahr gesetzeswidrig sei.

Steuerung der Affekte

Der Prozess in Stammheim fand also statt, trotz geistig ungeklärter Zustände und mal mit, mal ohne die abgemagerte Angeklagte. Ab dem 9. Mai 1976 dann ganz ohne Ulrike Meinhof, die um 7.34 Uhr tot aufgefunden wurde. Der Gerichtsmediziner und ironischerweise vormalige SS-Unterscharführer Hans-Jürgen Mallach gab bei der Obduktion Suizid an und vermachte dem Neuropathologen Jürgen Pfeiffer das Gehirn der 41-Jährigen.

Dieser verschleppte es an die Universität Tübingen und stellte auch gleich einen Hirnschaden im Bereich der für die Steuerung der Emotionen und Affekte verantwortlichen Amygdala fest, der 1962 bei der Operation an dem Blutschwamm entstanden war. Dieser Bericht blieb allerdings unveröffentlicht. Das Hirn Meinhofs wiederum lag von da an in Scheiben geschnitten in einem Kunststoffbeutel in der Asservatenkammer unter der Nummer ES154/76. 26 Jahre später kommt es zu einem grandiosen Zufall: Bernhard Bogerts entdeckt bei einem Mehrfachmörder ähnliche Schäden und Pfeiffer gibt den schwierigen Rabenmutter- und Terroristinnen-Fall erleichtert ab.

Der Spiegel-Redakteur Jürgen Dahlkamp hat diese ja wirklich fachneurologische Angelegenheit in einem Artikel, der 2002 unter dem Titel: „Das Gehirn des Terrors“ erschien, zusammengefasst: „So viel ist jetzt schon klar: Die Terroristin hatte einen Hirnschaden und war wohl nur vermindert schuldfähig.“

Bogerts legte, so der Spiegel-Redakteur, die schon zerteilten Gehirnstücke in einen Paraffinblock ein und zog dann mit einem Präzisionshobel weitere Schichten ab. 400-mal soll er so das Hirn Stück für Stück auseinandergehobelt haben – wobei jede einzelne Schicht 20 Mikromillimeter dünn war. Diese Scheiben färbte er dann ein: Nervenzellen blau und Nervenfasern schwarz. In 37 Grad warmer Gelatine eingelegt, können diese zerschnittenen, gefärbten Lappen nun unter den Objektträger. Und was sieht man? Schäden nahe dem Mandelkern – der Schädelbasis, in der die „Abteilung der Emotionen“ liegt, also die, Wortlaut Dahlkamp: „Urinstinkte“.

Diesen Schaden führt Bogerts zurück auf die Silberklammern, die Frau Meinhof in ein „pathologisches Ausmaß der Aggressivität“ wortwörtlich gedrückt hätten.

„Es explodiert einem der Kopf“

„Es gab für Ulrike Marie Meinhof keine Flucht mehr, keine Therapie, und ihren Dämon hatten sie mit ihr zusammen eingesperrt“, schreibt Der Spiegel – und knüpft damit interpretatorisch siegessicher an Meinhofs Tagebucheintrag aus der Isolationshaft an: „Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf. Das Gefühl, die Schädeldecke müsste eigentlich zerreißen, abplatzen. Das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepresst … Rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt. Das ist das Schlimmste.“

Die Einzige, die diesem Männerwahn der weiblichen Zerstückelung ein Ende bereitete, war Meinhofs Tochter Bettina Röhl. Sie zeigte Bogerts wegen Störung der Totenruhe an und dem illegalen Umgang mit sterblichen Überresten und forderte die Rückgabe von dem, was von ihrer Mutter übriggeblieben war. Die Ethikkommission der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg verbot Bogerts daraufhin, weiter an dem Gehirn zu forschen und seine bisherigen Ergebnisse dazu zu veröffentlichen. Am 16. Dezember 2002 wurde Ulrike Meinhofs Eisenklammer-Gehirn eingeäschert und drei Tage später beigesetzt. Der Toten wurde ihr Kopf zurückgegeben und das Grab ein für alle Mal geschlossen.

Für reichlich Stoff – Bühnenstoff – bietet sich die ganze Angelegenheit aber trotz Totenruhe an. Die deutsche Dramatikerin Dea Loher findet in dieser Zwangspathologisierung (lassen wir einmal außen vor, inwiefern Silberklammern Einfluss auf den Mandelkern und die menschlichen Urinstinkte haben) eine Sprache, die sie der Meinhof-Figur „Maria“ in dem Theaterstück „Leviathan“ zuweisen kann. Da heißt es dann:

„MARIE: Die Silberklammer, die in meinem Hirn verwächst, sie holt den Schmerz in meinen Schädel, nicht ein Tumor, wie sie es behaupten werden. Sicherlich, damit ein Irresein leicht einzusehen sei und gelten möge billig als Entschuldigung für das, was ich getan habe oder noch tun werde oder sogar nur gerne tun würde.“

Und Elfriede Jelinek schreibt, passend zu dem männlichen Psychoterror, in ihren Notizen für das Stück „Ulrike Maria Stuart“: „Die Frau ist eben nicht in der gleichen Weise in der Welt wie der Mann (…), wenn Frauen Geschichte machen wollen.“

Drei Millionen Dollar

Anders als diese beiden Dramatikerinnen verkauft der Künstler Gerhard Richter seine Ulrike Meinhof im Gemäldezyklus 1995 für drei Millionen Dollar an das New Yorker Museum of Modern Art.

Auch hier wird Meinhof als schizophrene Persönlichkeit abgebildet: Einmal in dem „Jugendbildnis“ (67 × 62 cm, Werkverzeichnis: 672-1), das im Vergleich zu den anderen Gemälden in seinen Konturen am erkennbarsten ist, und in dem der Kunsthistoriker Hubertus Butin meint, eine „eklatante Harmlosigkeit“ zu erkennen. Und einmal in die „Tote“ (62 × 67 cm, Werkverzeichnis: 667/1-3), das, wie der Titel nahelegt, die suizidierte Meinhof abbildet, dieses Mal aber in seinen Grautönen verwischt. Butin folgert daraus mit Kennerblick: „die unaufhebbare und trostlose Faktizität des Totseins“ – nicht in jedem steckt eine Jelinek.

Meinhof wiederum scheint keine Totenruhe zu finden, trotz vollständigem Leichnam. Der Kontrast: Protestantenmädchen und Terroristin der ersten RAF-Generation sorgt für schweres Kopfzerbrechen, ob auf Projektoren, Theaterbühnen oder MoMA-Ausstellungen.

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