Unicredit will Commerzbank schlucken: Italiener machen Ernst mit Deutschlands zweitgrößtem Geldhaus

Die italienische Großbank Unicredit macht Ernst mit ihrem Übernahmeversuch der deutschen Commerzbank. Am Montagnachmittag stimmten die Aktionäre der Unicredit der Ausgabe neuer Aktien im Wert von 6,7 Milliarden Euro zu, die den Besitzern von Commerzbankaktien zum Tausch angeboten werden sollen.

Das italienische Geldhaus, im eigenen Land die zweitgrößte Bank, tritt damit zum womöglich entscheidenden Schritt der im Kern feindlichen Übernahme der Commerzbank an, die ihrerseits mit einer Bilanzsumme von rund 590 Milliarden Euro (2025) und rund 39.000 Beschäftigten Deutschlands zweitgrößte Privatbank ist.

Schon heute ist die Unicredit mit 29,99 Prozent der größte Anteilseigner der Commerzbank, doch ihr erklärtes Ziel bleibt die komplette Übernahme des Frankfurter Instituts, um so die Stellung des italienischen Geldhauses in Deutschland, Österreich und Mittel-Osteuropa weiter auszubauen. Im Jahr 2005 hatte Unicredit bereits die Bayerische Hypo- und Vereinsbank (HVB) übernommen – damals eine freundschaftliche Übernahme per Aktientausch – und so die bis dato größte grenzüberschreitende Bankenfusion vorgenommen.

Im Jahr 2024 begann die Attacke der Unicredit auf die Commerzbank. Es war die deutsche Bundesregierung, die dafür ungewollt mit einem Aktienverkauf die Tür aufstieß. Denn in der globalen Finanzmarktkrise von 2008 hatte der Bund das schwer angeschlagene Institut mit über 16 Milliarden Euro Steuergeldern gerettet – und sich im Gegenzug 25 Prozent der Aktien gesichert.

Lindner hatte den Weg für Unicredit geebnet

Dieser Anteil sank bis 2017 wieder auf 17 Prozent, womit auch die Sperrminorität des Bundes nicht mehr gegeben war. Im September 2024 beschloss dann der damalige Finanzminister Christian Lindner (FDP), ein Paket von 4,5 Prozent der Aktien zu verkaufen – dieses Paket sicherte sich in einer Überraschungsaktion wiederum die Unicredit, die seither nach der entsprechenden Genehmigung der EU-Kommission ihren Anteil stetig weiter ausbaute. Die Bundesregierung stoppte daraufhin den Verkauf ihrer verbleibenden Anteile von 12 Prozent.

Unicredit will mit der angestrebten Übernahme nicht nur ihr regionales Geschäft stärken. Ihr Chef Andrea Orcel argumentiert, dass es starker europäischer Player bedürfe, um den Banken aus den USA und Asien die Stirn zu bieten.

Ganz anders sieht das allerdings die geschlossene Abwehrfront, die sich in Deutschland formiert hat: die Commerzbank selbst unter der Konzernchefin Bettina Orlopp, die Bundesregierung und auch die Gewerkschaft Verdi. Orlopp setzt erklärtermaßen auf die Verteidigung der Eigenständigkeit durch eine weitere – auch per kräftigem Stellenabbau erreichte – Steigerung der Ertragsfähigkeit der Frankfurter. Mit einer „exzellenten eigenständigen Strategie“ sollten die Aktionäre bei der Stange gehalten werden.

Auch die Bundesregierung bleibt negativ. Laut einem Sprecher des Bundesfinanzministeriums wäre „eine feindliche Übernahme – insbesondere mit Blick auf eine systemrelevante Bank wie die Commerzbank – nicht akzeptabel“. Doch Möglichkeiten dagegenzuhalten hat Berlin mit seinem relativ kleinen Anteil nicht.

„Wir werden uns mit allen Mitteln gegen eine Übernahme durch Unicredit wehren“, sagte auch Verdi-Gewerkschaftssekretär und Commerzbank-Aufsichtsrat Stefan Wittmann schon im September 2024. „Wir wollen nicht das gleiche Schicksal erleiden wie die Hypo-Vereinsbank.“ Dort hatte die Fusion mit Unicredit zu einem harten Schrumpfkurs geführt. Verdi befürchtet im Fall einer Übernahme der Commerzbank den Verlust von mehr als 10.000 Arbeitsplätzen.

Jan Duscheck, Bundesfachgruppenleiter Bankgewerbe bei Verdi, sagte zur Bild, „vor allem wären Tausende Stellen in den Zentralen in Frankfurt und München betroffen sowie in den Servicegesellschaften“. Unicredit hält dagegen: „Das Angebot zielt darauf ab, die im deutschen Übernahmerecht vorgesehene 30-Prozent-Hürde zu überwinden und in den kommenden Wochen einen konstruktiven Dialog mit der Commerzbank und ihren Stakeholdern zu fördern“, teilten die Mailänder mit. Es ist sehr fraglich, ob etwas wird aus dem „konstruktiven Dialog“. Doch auch ohne ihn könnte es am Ende zur Übernahme wider Willen kommen.

  • informationsspiegel

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