Vor Putins Besuch bei Xi: Russland made in China

V or dem Eingang zum „Russischen Dorf“ flattern chinesische und russische Fahnen leicht im Wind. In kleinen hölzernen Hütten, vor denen riesige Matroschka-Puppen stehen, erwartet die chinesischen Besucher eine russische Bäckerei, ein Kasinoraum mit Roulettetisch und eine altrussische Kneipe. Es wird Kaffee mit russischer Schokolade serviert, russische Popmusik kommt aus den Lautsprechern und in einigen Hütten singen und tanzen „echte Russen“.

Ganz authentisch wirkt das „Russische Dorf“ bei Harbin im Nordosten Chinas aber nicht. Im Souvenirladen läuft das Titellied von „Game of Thrones“. Die Kneipe ist mit US-amerikanischen Autoschildern und einem Bierzapfhahn der dänischen Marke Carlsberg dekoriert. Auch die Russen, die hier täglich auftreten und sich mit den chinesischen Touristen fotografieren lassen, sind nicht alle russisch.

„Ob man wirklich Russe ist, spielt keine Rolle. Es zählt nur, dass man slawisch aussieht“, sagt Bohdan*, der, wie die anderen Musiker seiner Band, Ukrainer ist. Gegenüber nicht chinesischen Besuchern machen sich die Bandmitglieder darüber lustig, dass das „Russische Dorf“ eher den Klischees entspricht als den tatsächlichen Gegebenheiten auf der anderen Seite der über 4.000 Kilometer langen Grenze.

Politisch stehen sich Russland und China so nah wie lange nicht. Seit Beginn des Ukrainekrieges rücken Wladimir Putin und Xi Jinping auf der Weltbühne immer enger zusammen. Das Handelsvolumen der beiden Länder hat sich fast verdoppelt, neue Grenzübergänge sind im Bau, und immer wieder ist von einer „grenzenlosen Partnerschaft“ die Rede.

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Während China mit Abstand Russlands wichtigster Handelspartner ist, ist Russland für China nur ein mittelgroßer Partner unter vielen

Doch hinter der großen Freundschaftspropaganda verbirgt sich eine distanziertere Beziehung. Der Handel zwischen den beiden Ländern schrumpfte im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 2020 wieder um 6,5 Prozent.

Während China mit Abstand Russlands wichtigster Handelspartner ist, ist Russland für China nur ein mittelgroßer Partner unter vielen. Und die Kontakte zwischen Russen und Chinesen sind noch lange nicht so herzlich wie die ihrer Staatschefs. Selbst in der Grenzregion, wo der Austausch am lebhaftesten ist, bestehen große sprachliche und kulturelle Barrieren.

Interesse an Russland ist unter der chinesischen Bevölkerung aber durchaus vorhanden. In Harbin zählen die russische Architektur und die orthodoxen Kirchen zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Die Stadt wurde 1898 während der russischen Besetzung der Mandschurei gegründet und profitiert seit Jahren von ihrem Image als „Kleines Moskau“.

Ist in China „der Schwarm der Frauen“: der russische Präsident Wladimir Putin

Foto: Kremlin Pool/imago

Auch Wladimir Putin war vor einigen Jahren zu Gast und lobte bei seinem Staatsbesuch die Bewahrung des „russischen Gefühls“ im historischen Viertel. In China genießt der russische Präsident großes Ansehen und wird vor allem für seine Stärke bewundert. Bücher über ihn zählen seit Jahren zu den beliebtesten politischen Titeln. Eines trägt den Titel „Putin: der Schwarm der Frauen“.

Das von Putin gelobte russische Viertel ist eine der meistbesuchten Gegenden der Stadt. Die europäischen Fassaden der Gebäude sind hell beleuchtet. Die Kopfsteinpflasterstraße der Fußgängerzone ist voller Touristen. Überall locken russische Lebensmittelläden mit kyrillischen Beschriftungen und bunten Waren chinesische Einkäufer.

Honig, Milch, Schokolade – russische Produkte erleben in ganz China einen Boom. Doch in den Läden findet man immer häufiger in China hergestellte Produkte, die lediglich russisch verpackt sind. In Harbin verstecken sich unter der russischen Produktauswahl Flaschen Jim-Beam-Whiskey und Schokoladentafeln der Marke Ritter Sport.

Eines der größten russischen Restaurants im Viertel ist mit riesigen Eisbärstatuen, Kronleuchtern und Hirschgeweihen geschmückt. Auf jedem der hölzernen Tische stehen russische und chinesische Fahnen. Wie auch im „Russischen Dorf“ treten im Restaurant stark geschminkte blonde Frauen auf. Sie tanzen im 30-Minuten-Takt zu russischen und chinesischen Liedern, aber auch zu amerikanischer Popmusik. Russland wirkt hier weniger wie ein enger Nachbar, sondern wie ein exotisches Land im weit entfernten Westen.

Zum Einkaufen nach China

In Suifenhe, drei Stunden mit dem Zug von Harbin entfernt, ist die Grenze zu Russland greifbar nahe. Die Hochhäuser sind mit russischen Zwiebelhauben versehen, mitten durch den Ort rattern Güterzüge Richtung Grenze, und auf den bunt beschrifteten Schildern der hügeligen Innenstadt ist fast so viel Russisch wie Chinesisch zu lesen. Doch anders als in Harbin dienen die Schilder nicht dazu, chinesische Touristen anzulocken, sondern russische – von denen nur die wenigsten Chinesisch können.

Die Grenzstadt mit rund 115.000 Einwohnern lebt vom Handel mit Russland. Die Straßen sind voller russischer Touristen mit prall gefüllten Einkaufstaschen. Kleidung, Haushaltsgeräte, Elektronik und Medikamente sind besonders beliebt. In Russland kosten viele dieser Waren oft doppelt so viel wie in China.

„Seit den Lockerungen der Einreisebeschränkungen läuft das Geschäft wieder deutlich besser“, sagt eine Brillenhändlerin im Erdgeschoss eines Kaufhauses. Trotz jahrelanger Bekundung der grenzenlosen Partnerschaft dürfen russische Staatsbürger erst seit September 30 Tage lang visumfrei nach China einreisen. Deutsche können das schon seit Ende 2024.

Für Suifenhe ist das eine wichtige Entwicklung. Denn nun sind auch außerhalb der Ferienzeiten die fast ausschließlich von russischen Kunden besuchten Kaufhäuser gut gefüllt. „Am besten lief es aber noch vor der Pandemie und dem Krieg“, sagt die Brillenhändlerin, nachdem sie auf Russisch mit einer Kundin über den Preis einer Sonnenbrille verhandelt. „Der Rubel ist einfach zu schwach.“

Russische Reisende auf dem Weg zur Grenzkontrolle an einem Grenzübergang in Heihe

Foto: Liu Song/imago

Außerhalb der Kaufhäuser hat sich angesichts des Ukrainekrieges ein anderes Geschäft etabliert: der Handel mit Gebrauchtwagen. China gerät im Westen immer wieder dafür in die Kritik, dass sanktionierte Produkte über chinesische Grenzen nach Russland gelangen. Nach Angaben aus Brüssel ist China (einschließlich Hongkong) für etwa 80 Prozent der Umgehung von EU-Sanktionen gegen Russland verantwortlich. Im neu verabschiedeten 20. Sanktionspaket der EU sind mehr chinesische Firmen betroffen als je zuvor.

Obwohl der Marktanteil chinesischer Autofirmen wächst, sind in Russland die japanischen und deutschen Verbrenner-Autos immer noch am beliebtesten. Seit dem Beginn des Ukrainekrieges sind diese in Russland wegen der Sanktionen aber nicht mehr erhältlich. Zumindest nicht als Neuwagen – gebraucht aber schon.

Einige davon kommen aus Suifenhe. Dass die Fahrzeuge der zahlreichen lokalen Gebrauchtwagenhändler für russische Käufer bestimmt sind, erkennt man an den russisch beschrifteten Schildern. Auf den Parkplätzen der Autohändler außerhalb der kleinen Innenstadt sind Autos jeder Marke und Größe zu finden.

Viele scheinen kaum benutzt. Denn auch verbotene Neuwagen gelangen immer häufiger über die Grenze nach Russland, indem sie erst in China als Gebrauchtwagen deklariert werden. Im vergangenen Jahr wurden fast 47.000 neue BMW, Mercedes und Fahrzeuge der Volkswagen-Gruppe in Russland registriert. Die russischen Käufer sieht man hier allerdings selten. „Das läuft hauptsächlich über Mittelsmänner“, sagt ein Händler, der anonym bleiben möchte.

Abends trifft man die Russen in den Bars, wo es billiges Bier, Wodka-Cocktails und russische Musik gibt. Gemischte Gruppen sieht man selten in Suifenhe. Die einheimischen Chinesen bleiben meist unter sich. Und während viele Chinesen hier Russisch sprechen, beherrschen nur wenige Russen die Sprache ihrer Gastgeber. Auch rund 1.000 Kilometer nördlich, in der Grenzstadt Heihe, ist das nicht anders.

Seilbahn über den Grenzfluss

Direkt gegenüber von Heihe, auf der anderen Seite des Flusses Amur, liegt die russische Stadt Blagoweschtschensk. Der „Fluss des schwarzen Drachen“, wie er auf Chinesisch genannt wird, ist das halbe Jahr über gefroren und auf den Straßen schmelzen im Frühling noch meterhohe Schneehaufen langsam vor sich hin.

Im Sommer wird der Fluss jedoch täglich von Hunderten Touristen mit der Fähre überquert. Und seit Januar 2025 kann man auch bei den minus 40 Grad, die es hier manchmal im Winter werden, über die neue Straßenbrücke nach Heihe gelangen. Die Brücke ist die einzige Straßenverbindung über den Amur, der auf mehreren tausend Kilometern die natürliche Grenze zwischen Russland und China bildet.

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Auch in der Grenzregion verbindet Russen und Chinesen, mehr als die geografische Nähe, die große Politik

Neben einem einsamen alten Riesenrad, das schon seit Jahren außer Betrieb ist, entsteht ein weiteres Grenzprojekt: eine Seilbahn, die die beiden Städte über den Fluss verbindet. Der Bau begann bereits 2021 und auf der chinesischen Seite wirkt die mehrstöckige, glitzernde Seilbahnstation nahezu fertig. Doch selbst aus der Ferne ist zu erkennen, dass es auf russischer Seite noch einige Baustellen gibt.

„In Russland läuft alles einfach langsamer“, sagt Tang, ein chinesischer Student, der in Blagoweschtschensk Russisch studiert. Er kommt regelmäßig übers Wochenende nach Heihe – vor allem, um günstig einzukaufen. An der Hotelrezeption warten mehr als 10 Pakete auf ihn. „Viele dieser Sachen kosten in Russland mindestens dreimal so viel wie hier“, erzählt er. Einen Fernseher für seine neue Wohnung hat er ebenfalls bestellt.

Nach dem Studium möchte er Blagoweschtschensk wieder verlassen und nach China zurückkehren. Obwohl die Stadt größer als Heihe ist, sei es da zu langweilig und zu teuer. Viele Bewohner Heihes sehen das ähnlich. Trotz gelockerter Einreisebestimmungen für chinesische Touristen waren nur wenige schon einmal auf der anderen Seite des Flusses. „Warum auch?“, heißt es meistens. Abgesehen von Kasinos und Schießständen hätten die russischen Nachbarn nicht viel zu bieten. Daran kann die neue Seilbahn auch nicht viel ändern.

Wie schon in Suifenhe gehen die Kontakte zwischen Russen und Chinesen auch hier selten über das Geschäftliche hinaus. In den Läden wird oft mühsam mithilfe von Übersetzungs-Apps gehandelt. Taxifahrer verlangen von russischen Kunden für kurze Fahrten einen Aufpreis. Mehrere Kneipen werden fast ausschließlich von Russen besucht. In einer tanzt eine Männergruppe betrunken zu russischer Musik und reicht dabei eine russische Fahne herum.

Schokolade, so weit das Auge reicht: ein russisches Lebensmittelgeschäft in Harbin

Foto: Tobias Kolonko

An seinem letzten Abend in Heihe lädt Tang in ein nordchinesisches Badehaus ein. Es gibt Becken mit unterschiedlichen Temperaturen, eine Sauna und viele russische Gäste. An der Wand zwischen den beiden Hauptbecken hängt ein großer Fernseher. Obwohl die russischen und chinesischen Gäste weiterhin unter sich bleiben, schweifen ihre Blicke immer wieder zu demselben Bildschirm, auf dem chinesische Nachrichten laufen.

Das Thema des Tages: die amerikanischen Angriffe auf den Iran. Auch in der Grenzregion verbindet Russen und Chinesen, mehr als die geografische Nähe, die große Politik.

*Name von der Redaktion geändert

  • informationsspiegel

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