Vulkanwarnung in Japan: Krise kann auch geil sein

E in schriller Alarmton heult direkt aus den Lautsprechern des Smartphones, kurz darauf wackeln die Schränke, zittern die Fenster, vielleicht 30 Sekunden lang. Zum Glück folgt ein Erdbeben in Japan häufig derselben Chronologie: Alarm – was passiert gerade? –, schon vorbei?

Die Locals kennen dieses Prozedere gut. Denn der Regierung sind sinnvolle Maßnahmen, um ihre Bevölkerung vorzubereiten, nicht fremd. Jetzt jedoch veröffentlicht sie eine bizarre Warnung: Ein KI-generiertes Video zeigt Tokio im Ascheregen nach einem Ausbruch des höchsten Vulkans Fuji-san. Die Botschaft ist klar: Der Ernstfall lauert euch auf, mit oder ohne Vorwarnung.

Diese Vorgehensweise seitens der Regierung ist fragwürdig. Einen konkreten Anlass, dass der Fuji, dessen letzte Eruption 318 Jahren her ist, kurz vor einem Ausbruch steht, nennen die Behörden nicht. Zugleich reiht die Magma-Angst sich gut in eine Stimmung ein, die die japanische Regierung schon lange erzeugt. Die Behörden warnen seit Jahren vor einem Megabeben, das die Stärke 9 übersteigen könnte. Zum Vergleich: Dem Tsunami von 2011, der das Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi traf, ging ein Beben der Stärke 9.1 voraus.

Es ist zunächst nachvollziehbar und wünschenswert, dass die Regierung eines Landes ihre Bevölkerung auf Naturkatastrophen vorbereitet. Irre wird es jedoch, wenn die Vorhersage sich eher wie ein Märchen in die Köpfe der Menschen einbrennt denn als eine belastbare Zukunftsaussicht. Unstrittig ist die Vermutung eines Megabebens nämlich nicht, zahlreiche Seis­mo­lo­g*in­nen widersprechen der Einschätzung sogar. An einer Aufrechterhaltung des Krisenszenarios dürfte die Regierung dennoch interessiert sein, weil sie davon am meisten profitiert.

Krise in Form von flutendem Magma

Dass Krise, zynisch gesprochen, auch geil sein kann, trifft nämlich besonders dann auf Staaten zu, wenn sie ihre Autorität dadurch in der Bevölkerung verankern können. Walter Benjamin erkannte dieses Muster bereits: Politische Systeme rufen ständig den Ausnahmezustand aus und festigen damit ihre Macht, stets nach dem Motto, bleibt treu, glaubt an unsere Maßnahmen, außer uns beschützt euch keiner. Parallelen lassen sich im Vorgehen der japanischen Regierung beobachten. Wer die Krise in Form von flutendem Magma heraufbeschwört, gilt noch im selben Atemzug als letzte Hoffnung auf Rettung. Auch jene Denker*innen, die von einem demokratischen Gefüge nichts halten, erkennen die Kraft dieses Mechanismus.

Nazi-Jurist Carl Schmitt schrieb im 20. Jahrhundert etwa: „Souverän ist, wer über den Ausnahmefall entscheidet.“ Demokratische Aushandlung ist dem Autokraten zu blöd: Entscheidend ist, dass einer vorangeht und den Ton angibt. Und was eignet sich besser, um die Führung ohne Diskussion zu legitimieren, als eine Krise? Parallelen zu diesem Ansatz lassen sich auch in Japan nicht leugnen. Der Staat erzeugt Krisen nicht nur, er macht sie auch für sich nutzbar.

Klingt übertrieben? Gibt aber Beispiele: Nach einem Erdbeben in mehreren Städten im Januar 2024 kündigte die japanische Polizei an, die Zahl der Überwachungskameras in den betroffenen Gebieten massiv zu erhöhen. Ob diese dann ausschließlich bei Erdbeben genutzt werden, ist zumindest fraglich. Wie man das absurde Ausmaß der Überwachung ohne Erdbeben gerechtfertigt hätte, bleibt unklar.

Das Problem mit Japans KI-Warnung ist nicht die Intervention zur Sicherheit der Bürger*innen. Wenn apokalyptische Szenarien jedoch nicht auf einen Anlass folgen, verwandelt Vorsorge sich in Machtdemonstration. Und es bleibt die Frage: Wo hört Prävention auf, wo beginnt reine Inszenierung? Letztere steht vor allem für eines: Sie stabilisiert die Macht des Staates.

  • informationsspiegel

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