Tricia Tuttle bleibt Berlinale-Leiterin: Gewinner und Verlierer der 76. Berlinale

Tricia Tuttle kann aufatmen. Die Berlinale kann aufatmen. Die Filmbranche in Deutschland und darüber hinaus kann aufatmen. Mit der Entscheidung des Aufsichtsrats des Festivals vom Mittwoch, dass Tuttle weiter Intendantin der Internationalen Filmfestspiele Berlin bleibt, konnte verhindert werden, dass die Berlinale in ihrer Zukunft gefährdet ist. Denn eine Ablösung Tuttles hätte die Suche für die Nachfolge stark erschwert, vielleicht unmöglich gemacht.

Nachdem es zum Abschluss der 76. Berlinale öffentliche Kritik am Umgang der Leitung mit der Dankesrede des palästinensisch-syrischen Regisseurs Abdallah Alkhatib und den darin ausgesprochenen Drohungen gegeben hatte, hieß es vergangene Woche in der Bild-Zeitung, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wolle Tuttle ablösen. Darauf gab es Solidaritätsbekundungen für Tuttle und Kritik an Weimer. Der stellt die Angelegenheit inzwischen so dar, als habe Tuttle von sich aus ihren Rücktritt angeboten.

Tricia Tuttle selbst äußerte sich danach in der Sache zurückhaltender. Der exakte Verlauf lässt sich wohl nicht mehr rekonstruieren, Weimers Äußerungen nach der Bild-Meldung erwecken aber den Eindruck, als sei er forsch vorgeprescht und habe dann zurückrudern wollen, womöglich, weil er sich der politischen Konsequenzen erst hinterher bewusst wurde.

Streit um Meinungsfreiheit

Die Entscheidung für den Verbleib Tuttles ist unter den gegebenen Umständen wahrscheinlich die vernünftigste Wahl. Filmemacher hatten im Namen der Kunst- und Meinungsfreiheit die Sorge geäußert, dass es andernfalls zu Zensur bei dem Filmfestival kommen könne, und vereinzelt ihrerseits gedroht, sie würden, sollte Tuttle gehen müssen, der Berlinale keine Filme mehr anbieten. Ob das eine sinnvolle Reaktion gewesen wäre, sei dahingestellt.

Eine andere Frage ist, ob damit jetzt alles gut ist. Im Raum steht nach wie vor, wie sich die Berlinale konkret zu ihren eigenen Ansprüchen verhält. Offen ist vor allem die Frage, ob alles, was dort geäußert wird, als von der Meinungsfreiheit geschützt gelten kann und man jede dieser Aussagen daher „aushalten“ muss.

Nach der Krisensitzung mit Weimer am Mittwoch kündigen sich in dieser Hinsicht Änderungen an. Laut Weimer soll es ein „beratendes Forum“ für die Berlinale geben. Ein Verhaltenskodex für Kulturveranstaltungen des Bundes sei ebenfalls geplant. Man muss hoffen, dass die Auflagen mit Augenmaß erfolgen. Selbstauferlegte Regeln wären vorzuziehen gewesen.

Strafanzeige wegen Verdachts der Volksverhetzung

Die Berlinale versteht sich als Ort der Offenheit und des Dialogs zwischen unterschiedlichen politischen Perspektiven. Zugleich will man die Meinungsfreiheit aller Künstler wahren. Zu diesen Künstlern gehört der Regisseur Abdallah Alkhatib. Er war auf der Abschlussgala für sein Spielfilmdebüt „Chronicles From the Siege“ ausgezeichnet worden. In seiner Dankesrede warf er der Regierung Deutschlands vor, am „Völkermord in Gaza“ beteiligt zu sein, und sagte unter anderen, Palästina werde sich erinnern an „jeden, der gegen uns war“ und an jeden, „der geschwiegen hat“.

Bei den Reaktionen auf Kritik daran, dass Alkhatib diese Rede ohne Widerspruch oder eine Einordnung durch das Festival hatte halten können, hieß es von Verteidigern Tuttles, die Rede sei von der Meinungsfreiheit geschützt. Diese Sicht ist umstritten. So stellte der Filmproduzent Michael Simon de Normier, wie die Berliner Polizei gegenüber der taz bestätigte, Anfang März Strafanzeige gegen Alkhatib wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Dabei geht es einerseits um den genannten Vorwurf Alkhatibs an die Regierung Deutschlands, aber auch um eine um Alkhatibs rechte Schulter drapierte Kufiya, die in dieser Form als Symbol für die Parole „From the River to the Sea“ zu verstehen sei.

Unabhängig davon, wie das Verfahren endet, hat die Rede Alkhatibs schon jetzt Schaden angerichtet. Denn selbst wenn es legal sein sollte, sich so zu äußern, beantwortet das nicht die Frage, ob die Berlinale der Ort ist, um sich so zu äußern. „Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Kunstfreiheit ist ein hohes Gut. Aber es darf nicht ein Freibrief sein für Hass und für Hetze“, gibt Benjamin Graumann, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, im Gespräch mit der taz zu bedenken.

Zur Erinnerung sei darauf hingewiesen, dass es nach Abschluss der Berlinale vor zwei Jahren noch eine Diskussion um die Verwendung des Worts „Genozid“ in Zusammenhang mit Gaza auf der Bühne gab. Dieser Ausdruck gehört, so scheint es, inzwischen längst zum Vokabular politischer Auseinandersetzungen. Drohungen wie die Alkhatibs bedeuten demgegenüber eine Verschiebung, auf die die Berlinale dringend reagieren sollte. „Wir haben eine massive Grenzüberschreitung, wenn wir versuchen, Drohungen und Judenhass, die auf offener Bühne vorgetragen werden, noch zu entschuldigen“, so Graumann.

Anspruch der politischen Wachsamkeit

Wenn die Berlinale als Konsequenz ihres Verständnisses von offenem Dialog in Kauf nehmen sollte, dass sie in der Öffentlichkeit das Bild vermittelt, vorgetragenen Judenhass unter dem Schutz der Meinungsfreiheit einfach stehenzulassen, wäre das verheerend. Es passt im Übrigen nicht zur Sorgfalt, mit der das Festival sein Publikum sonst auf kontroverse Themen vorbereitet. So gab es im Programm etwa Hinweise auf Filme, die Gewalt gegen Tiere zeigen. Und ein Film wie „Bamboozled“ von Spike Lee aus dem Jahr 2000, in dem afroamerikanische Schauspieler mit „Blackfacing“ zu sehen sind, in satirischer Absicht wohlgemerkt, erhielt im Programm der Retrospektive vorab ein Video mit einer Triggerwarnung.

Umgekehrt zeigte das Festival ohne Vorwarnung oder Kommentar den libanesischen Dokumentarfilm „The Day of Wrath: Tales from Tripoli“ von Rania Rafei, der in einer Szene den nach dem 7. Oktober 2023 in Deutschland verbotenen Slogan „From the River to the Sea“ in einer Szene als Graffito abbildet. Durch Beispiele wie dieses, das zudem kein Einzelfall war, erweckt die Berlinale den Eindruck, dass sie bei ihrem eigenen Anspruch der politischen Wachsamkeit zweierlei Maß nimmt. Über den Schaden, der dem Festival dadurch entsteht, gab es von den Unterstützern Tuttles wenig zu hören.

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, muss die Leitung der Berlinale sehr viel Stress ertragen. Das ist Teil des Jobs. Auch für kommende Berlinalen. Andernfalls läuft die Berlinale Gefahr, dass sie in Zukunft von Aktivisten vor sich her getrieben wird und die Filme darüber in den Hintergrund geraten.

  • informationsspiegel

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