Drogensüchtiger Rapper Capital Bra: Der Drogendings und das Ding mit den Drogen

O b man sieht, dass er sich schämt, fragt er und schaut hilfesuchend in die Kamera. Er bereue es, Tilidin mit seinen Songs populär gemacht zu haben, so der Berliner Rapper Capital Bra in einer Strg_F-Doku. In Zukunft wolle er der Droge keine Bühne mehr geben. Fünf Jahre später: Der paranoide Rapstar liegt nach einer Überdosis im Rettungswagen und streamt live auf Tiktok: „Hilf mir!“, wimmert er. Was er genommen hat, will der Arzt wissen. „Xanax, Tilidin, Kokain.“ Dann bricht der Livestream ab.

In der Nacht zu Montag konnten die 2,3 Millionen TikTok-Follower von Vladislav Balovatsky, wie Capital Bra bürgerlich heißt, live dabei sein, als er in die Klinik eingeliefert wird. Neu ist das Drogenproblem des fünffachen Vaters nicht. Elf Alben hat er dem Konsum gewidmet – nicht gerade kritisch: „Gib mir Tilidin, ja, ich könnte was gebrauchen / Wodka-E, um die Sorgen zu ersaufen“ rappt er, oder „Drogen, Geld, Waffen, ich liebe diese Dinge.“

Capital Bra ist einer der erfolgreichsten – und polarisierendsten – Rapper Deutschlands: 22 Nummer-1-Hits, Milliarden Streams. Neben Chartrekorden prägen Sexismus, Sympathie für die AfD und Drogenexzesse sein Image. Der gebürtige Sibirier kam mit sieben Jahren aus der Ukraine nach Berlin-Hohenschönhausen. Schon als 15-Jähriger sei er mit Tilidin in Kontakt gekommen, erzählt der 31-Jährige Strg_F – und warnt vor der Droge, von der er trotz mehrerer Entzüge erneut abhängig ist.

Oder doch nicht? Glaubt man Capital Bra, war der Livestream Anfang der Woche ein großes Missverständnis. Verantwortungsübernahme: Fehlanzeige. „Sorry, ich wollte euch nicht so viele Sorgen machen Leute“, sagte er wenige Stunden später in einem Instagram-Video. „Aber ich sag euch ehrlich: Wenn man Unterkühlung bekommt und dann als Drogendings abgestempelt wird, ist nicht cool.“ Sein Manager blieb realistischer: Capital Bra habe „manchmal eine Macke, was die Drogen angeht“.

Doku über den „echten“ Capital Bra

Über den „Drogendings“ soll noch in diesem Jahr eine Doku erscheinen: „Der Weg ins Licht“. Sie soll den „echten“ Capital Bra zeigen, mit all seinen „Höhen und Tiefen.“ Der Rapper ist überzeugt: „Das wird was ganz Besonderes.“ Die Autorin dieses Textes ist überzeugt: Das wird es nicht. Es braucht nicht à la Haftbefehl eine weitere Doku über einen weiteren suchtkranken Rapper, der über Selbstzweifel klagt und Verantwortung relativiert. Es braucht nicht noch einen Familienvater, der lamentiert „ich muss mich selbst aushalten“ (Capital Bra im Doku-Trailer), während Frau und Kinder diejenigen sind, die die Folgen seines Handelns aushalten müssen – ohne Einfluss darauf.

Die anhaltende Verherrlichung, Ästhetisierung und auch Normalisierung von Drogen im Rap hat Auswirkungen. Nach der Veröffentlichung von Capital Bras Song „Tilidin“ berichtet etwa ein Dealer Strg_F von einer deutlich gestiegenen Nachfrage nach der Droge – vor allem, um den Konsum anschließend auf Snapchat und Instagram zu inszenieren. Jugendliche sagen, sie wollten sich durch den Konsum Künstlern wie Capital Bra näher fühlen.

„Macht es nicht. Ihr kommt uns damit nicht näher“, warnt der Rapper. Näher kommen die Fans damit nur dem Tod. Während die Zahl der drogenbedingten Todesfälle bundesweit abnimmt, steigt sie in Berlin an. Die Berliner Polizei verzeichnete 2024 mit 294 Opfern einen Höchststand an Drogentoten – und sie werden immer jünger. 40 der Opfer waren unter 26 Jahren, darunter auch fünf Minderjährige.

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