
„Ich habe nur noch nach meiner Mama geschrien. Und gebetet, dass ich wieder heimkomme. Da hat uns der Herrgott auch nicht geholfen.“ Hermann Höllenreiner, der von seiner Familie Mano genannt wird, erlebt 1944 sein drittes Konzentrationslager. Er ist in Sachsenhausen eingesperrt, davor war er in Auschwitz und Ravensbrück. Er ist ganz allein. Dabei ist der Junge gerade einmal 11 Jahre alt. Sein „Vergehen“: Er ist deutscher Sinto, von den Nazis als „asozialer Zigeuner“ abqualifiziert und dem Tod preisgegeben.
Doch er hat überlebt. Am Donnerstag letzter Woche ist Höllenreiner im Kreise seiner Familie in Oberbayern gestorben, drei Tage vor seinem 93. Geburtstag.
In den letzten beiden Jahrzehnten hatte Hermann Höllenreiner dafür gekämpft, dass die Erinnerung an Unrecht, Verfolgung und den Mord an Sinti und Roma nicht vergessen wird. Er hielt Vorträge, engagierte sich beim Zentralrat der Sinti und Roma, gab Interviews. Davor hat der Mann mit der bayerischen Mundart lange über seine Leidenszeit geschwiegen, wie so viele rassistisch Verfolgte. Das Unrecht war nach dem Krieg schließlich nicht verschwunden. Als „Asoziale“ wurden er und seine Familie auch in der Bundesrepublik noch beschimpft.
Höllenreiner kommt aus München. In der Deisenhofer Straße betrieb sein Vater ein Fuhrgeschäft und handelte mit Pferden. Früher einmal war die Familie übers Land gefahren, doch das war da längst Geschichte. Die Höllenreiners sind Deutsche, bis die Nationalsozialisten ihnen die Staatsbürgerschaft entziehen. Der Vater wird 1942 aus der Wehrmacht ausgeschlossen und muss Zwangsarbeit leisten. Sinti und Roma wie der junge Hermann dürfen unter den Nazis kein Kino mehr besuchen und die Straßenbahn nicht benutzen. Sie werden registriert und überwacht. Wer als „asozial“ gilt, wird in Konzentrationslager verschleppt. Ende Dezember 1942 ordnet SS-Reichsführer Heinrich Himmler die Deportation der „Zigeuner“ an.
Im Alter konnte sich Hermann Höllenreiner gut an den Tag im März 1943 erinnern, als die Nazis zu ihrer Münchner Wohnung kamen. „In der Früh ist alles umstellt worden. Dann ist die Gestapo gekommen“, sagte er 2016 in einem Dokumentarfilm der ARD. Sie treffen weitere Verwandte und werden in einen Güterwagen gepfercht. „30 bis 40 Personen in dem Waggon, das war ganz schlimm. Wir haben kein Wasser gehabt“, sagte Höllenreiner. Nach etwa acht Tagen erreichen sie das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz.
Hermann erhält die Häftlingsnummer Z – 3526, die ihm ein Kapo auf den Arm tätowiert. Die Familie wird in das „Zigeunerlager“ eingewiesen, in dem Menschen durch Zwangsarbeit bei elenden Lebensbedingungen vernichtet werden. Tausende sterben. Der Appell war um fünf Uhr morgens, erinnerte sich Höllenreiner. Der SS-Arzt Josef Mengele macht Menschenversuche an jungen Sinti und Roma, auch bei Hermann: „Das war ein Teufel. Wir haben Spritzen bekommen und Decken voller Typhusläuse. Davon haben wir die Krätze und Flecktyphus gekriegt“, sagte er dem Journalisten Thies Marsen. Der Massenmord im benachbarten Vernichtungslager war unter den Gefangenen ein offenes Geheimnis. Die Kinder hätten, wenn der Schornstein dort wieder stark rauchte, gesagt, dass jetzt wieder Menschen verbrannt würden.
Im Mai 1944 wird das „Zigeunerlager“ in Auschwitz aufgelöst, viele Insassen werden ermordet. Familie Höllenreiner kommt in das KZ Ravensbrück, später ist Hermann in Sachsenhausen. Er übersteht kurz vor Kriegsende einen Todesmarsch. Französische Leidensgenossen nehmen ihn nach der Befreiung mit nach Frankreich, wo er in einer Pflegefamilie unterkommt. Erst als die Tätowierung seiner Häftlingsnummer auf dem Arm entdeckt wird, beginnt die Suche nach seiner Familie. Im Dezember 1946 kehrt Hermann Höllenreiner nach Bayern zurück. Weit über 100 seiner Familienangehörigen sind von den Nationalsozialisten ermordet worden.
1956 lernt Hermann Höllenreiner seine Frau Else kennen, die bis zu seinem Tod zusammen mit der gemeinsamen Tochter bei ihm ist.







