Wer in das Dorf Yaroun in Südlibanon zurückkehren möchte, wird von israelischen Soldaten erschossen. Zudem ist die Zufahrtsstraße zerstört. Das berichten Anwohnende der taz. Trotz des zwischen Israel und Libanon vereinbartem Waffenstillstands sind israelische Soldaten weiter im Dorf.
„Mein Haus wurde vor fünf Tagen [am Samstag] zerstört, von einem Bulldozer eingerissen“, sagt ein christlicher Bewohner aus Yaroun. Er möchte seinen Klarnamen nicht in der Zeitung sehen, aus Angst. „Wir sind im Krieg. Ich kann nicht zurück, sie würden mich vielleicht töten. Keiner kann zurück“, sagt der Bewohner, der nach Beirut vertrieben wurde. Das letzte Mal sei er am 2. März in Yaroun gewesen, zu Beginn des Kriegs.
Seit dem 17. April gilt eine Feuerpause. Doch Luftangriffe, Artilleriebeschuss und Zerstörungen gehen weiter. Israelische Angriffe töteten seitdem mindestens 380 Menschen im Libanon, zählt das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. 1,2 Millionen Menschen sind weiterhin vertrieben, so das Rote Kreuz.
Die israelische Armee hält 55 Orte in Südlibanon besetzt. Einer davon ist Yaroun. Dort wohnten schiitische Muslime und katholische Christen, es gab zwei Moscheen und eine Kirche.
Israels Armee: keine eindeutige Beschilderung am Gebäude
Wie es ihren Häusern geht, wissen die Menschen durch Satellitenbilder. Der Einwohner berichtet, ein Freund mache aus dem Nachbarort Rmeich mit einer hochauflösenden Kamera Fotos von Yaroun. In den letzten 12 Tagen sei so die Zerstörung weiterer Häuser dokumentiert. Menschen lokalisieren auf Satellitenfotos ihre Häuser, um herauszufinden, was davon noch übrig ist.
Am Freitag meldete die staatliche Nachrichtenagentur: „Nach einer Reihe von Bombenangriffen auf Häuser, Geschäfte, Straßen und Sehenswürdigkeiten in Yaroun zerstört die israelische Armee das Kloster und die Schule der Nonnen.“
Das katholische Kloster der Schwestern des Heiligen Erlösers und die dazugehörige Schule standen auf der Spitze eines Hügels. Dort lernten Kinder lesen, beteten Nonnen. Dann kamen die israelischen Drohnen und die Luftangriffe. Die Nonnen verließen ihre Räume. Videos zeigen eine Planierraupe, die das Gebäude auf dem Berg zerstört.
Das israelische Militär räumte einen „gewissen Schaden an einem katholischen Kloster“ ein, bestritt aber, das Gelände mit Bulldozern „abgerissen“ zu haben. Es habe keine eindeutige Beschilderung am Gebäude gegeben. Das israelische Außenministerium veröffentlichte ein Foto von dem angeblich intakten Gebäude.
Eine ganze Reihe von Häusern liegt in Schutt
„Das ist ein altes Foto von der nebenstehenden Malteser-Klinik“, sagt Adib Ajaka. Er ist Mokthar, eine Art Stadtvorsitzender in Yaroun. Ajaka schickt Fotos des Klosters: ein gelbes Haus, davor ein Schild mit der Aufschrift „Schule“, im Hof eine Vitrine mit einer Marien-Statue. Fotos sollen die Innenräume zeigen: eine Ikone an der Wand, ein Holzkreuz auf einem Tisch. Ein Foto von Weitem zeigt Trümmer an der Stelle des Hauses. „Wie du siehst, ist von dem gelben Haus nichts übrig.“ Auch die Klinik könnte beschädigt sein, mutmaßt Ajaka.
Er schickt ein Foto von dem Hügel – ein aktuelles von Mittwoch und ein altes zum Vergleich. Bäume sind herausgerissen, eine ganze Reihe an Häusern um den Hügel herum liegt in Schutt. Der Turm der Moschee ist nicht mehr zu erkennen, von der einstigen Kirche stehen nur noch die Wände.
Ein Gemeindebeamter aus Yaroun und die Generaloberin der Nonnen des Klosters bestätigten gegenüber AP, das Kloster sei mit Bulldozern abgerissen worden.
Ajaka war zuletzt am 28. Februar in Yaroun. „Es war kein normaler Tag, überall waren Raketen und Sirenen zu hören.“ Er schickt das Erinnerungsvideo von seinem sandsteinfarbenen Haus: weiße Fensterrahmen aus Holz, innen beige Terrazzo-Fliesen, Holzstühle mit Blumenbezug, ein Kronleuchter. In einer Mauernische steht eine Statue der Jungfrau Maria. Reife Zitronen hängen am Baum. „Unter dem Zitronenbaum haben wir zu Ostern immer Familienfotos gemacht.“
Im März wurden die Bewohner erneut vertrieben
Mit Beginn des Krieges zwischen Israel und der Hisbollah im Oktober 2023 wurden alle Einwohner*innen der Grenzdörfer vertrieben. Zwischen Dezember 2024 bis Ende Februar 2025 besetzte die israelische Armee Yaroun. Stadtverwalter Ajaka schätzt, 60 Prozent der Gebäude seien damals zerstört worden.
„Sie haben Bäume entwurzelt, viele Wohnhäuser verschwanden, die übrigen wurden schwer beschädigt“, erzählt ein Anwohner der taz. „Sie zerstörten die gesamte Infrastruktur. Strom, Wasserversorgung, Straßen und religiöse Stätten wie die Moscheen, Friedhöfe und die historische Kirche.“
Fotos der Gemeinde von der Osterprozession aus dem Jahr 2025 zeigen Mitglieder der Kirchengemeinde singend mit Kerzen und Olivenzweigen durch die Straße laufen – neben ihnen kaputte Häuser und Trümmer. In der sandsteinfarbenen Kirchenwand klafft ein großes Loch. Das Kirchendach ist vollständig abgerissen, unter freiem Himmel liegen im Innenraum der Kirche kaputte Holzlatten auf Trümmerhaufen.
Danach reparierte ein kleiner Teil der Bewohner die Häuser. Sie hielten Messen im beschädigten Gemeindehaus ab. Als der Krieg im März 2026 wieder stärker wurde, bombardierte die israelische Armee ein Haus in einer Wohnstraße, erzählt der Anwohner. „Die israelische Armee besetzte das Dorf vom ersten Kriegstag an. Wir wurden wieder vertrieben.“
Laut Aussagen von Bewohnern benachbarter Dörfer, Berichten der libanesischen Armee und Presseberichten gab es 2026 keine Kämpfe in Yaroun.
„Vor etwa zehn Tagen zerstörte die israelische Armee verbliebene Wohnhäuser, das Kloster, die Behilfskirche und die gesamte zuvor erst reparierte Infrastruktur durch Sprengungen und Bomben“, so der Anwohner. „Unser Dorf ist ein Trümmerhaufen.“







