Saftdiät, Basenfasten, Entgiftungskur: Das Gehirn auf Urlaub schicken

Saftdiäten, Basenfasten, Entgiftungskuren – es gibt haufenweise Tipps, wie giftige Stoffe aus dem Körper gespült werden sollen. Dabei macht er das in der Regel sehr gut selbst, unterstützt vor allem durch eine gesunde Routine mit ausgewogenem Essen, ausreichend Bewegung und Schlaf. Dafür gibt es verschiedene Mechanismen. Spezialisierte Immunzellen „fressen“ den Müll, die Leber baut giftige Stoffe ab. Zum Abtransport von Abfallstoffen ist zudem das Lymphsystem wichtig. Es zieht sich netzartig durch den Körper, nimmt den Abfall auf und wirkt dadurch wie eine Spülung.

Im Gehirn gibt es dieses System nicht. Nötig ist eine gute Reinigung dort jedoch ebenfalls, sagt Gabor Petzold, Direktor für Klinische Forschung am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE): „Das Gehirn bildet grundsätzlich viele Eiweißstoffe und andere Produkte und muss sie dann auch wieder loswerden.“ Das seien nicht alles toxische Stoffe, häufig handle es sich um ganz normale Nebenprodukte des Stoffwechsels.

Werden die Abfallstoffe nicht richtig entsorgt, kann das sehr schädlich sein. Ablagerungen im Gehirn können zu Entzündungen führen, die ihrerseits möglicherweise die Gehirnzellen selbst schädigen und die Denkfähigkeit beeinträchtigen. Das kann vorübergehend sein, aber auch zu dauerhaften Konsequenzen führen.

So sind bestimmte Proteinverklumpungen im Gehirn charakteristisch für die Alzheimer-Demenz. Ein Ansatz zur Vorbeuge oder Behandlung der Krankheit ist es, die Bildung der Klumpen zu verhindern oder die vorhandenen möglichst wieder loszuwerden – kurz: die Müllabfuhr im Gehirn zu stärken. Dazu jedoch muss der Mechanismus der Hirnreinigung erst einmal besser verstanden werden.

2012 berichtete eine Forschungsgruppe um die dänische Neurowissenschaftlerin Maiken Nedergaard von einem System, das der Lymphe ähnelt: Sie nannten es das „glymphatische System“. Das „g“ steht hier für Glia, eine Zellart im Gehirn, die eine Schlüsselrolle im neu gefundenen Prozess spielt. Das Nervenwasser, auch Liquor genannt, fließt bekannterweise durch verschiedene Räume im Gehirn, unter anderem durch winzige Kanäle rund um die Blutgefäße. Ausgekleidet sind diese mit Gliazellen.

Die Theorie: Durch wasserleitende Kanäle in deren sogenannten Endfüßchen tritt der Liquor dann in das Hirngewebe ein und kann dort die Abfälle aufnehmen. Über mehrere Wege fließt das Nervenwasser letztendlich wieder aus dem Gehirn heraus, etwa durch die Hirnvenen und die Hirnhäute.

Nachweise kommen aus Tierversuchen

„Die wissenschaftlichen Nachweise dafür gibt es bisher vor allem aus Tierversuchen mit Mäusen“, sagt Gabor Petzold. „In den Tieren lässt sich der Vorgang nachverfolgen, indem man einen fluoreszierenden Stoff in das Gehirn einbringt.“ Beim Menschen sei das schon ethisch nicht ohne Weiteres möglich, dort müsse sich die Forschung bisher überwiegend auf indirekte Messungen verlassen.

„Beispielsweise können wir nachsehen, wie viele Abfallstoffe über die Halsvene aus dem Gehirn transportiert werden.“ Das sei jedoch vor allem ein Nachweis dafür, dass es ein funktionierendes Abfallsystem gebe – aber keine Erklärung dazu, wie genau der Prozess abläuft. Dazu können Tierversuche zwar wichtige Hinweise liefern, einfach übertragen lassen sie sich allerdings nicht auf den Menschen. Schon allein deshalb nicht, weil die Hirnanatomie unterschiedlich ist.

Trotzdem gibt es Ähnlichkeiten und einige Aspekte ließen sich bereits beim Menschen zeigen: So hat 2025 ein internationales Forschungsteam, zu dem auch Gabor Petzold gehörte, den Fluss der Gehirnflüssigkeit mithilfe einer Magnetresonanztomographie (MRT) gemessen.

Dabei untersuchten sie unter anderem Patienten mit zerebraler Amyloidangiopathie – eine Erkrankung der Blutgefäße im Gehirn, bei der die Abfallbeseitigung nicht gut funktioniert. Bei diesen Menschen war die Beweglichkeit des Liquors im Vergleich zu gesunden Personen deutlich verändert. Das könnte zumindest darauf hindeuten, dass hier das glymphatische System nicht effektiv arbeiten kann.

Ein wichtiger Aspekt, der ebenfalls größtenteils in Nagern betrachtet wurde, ist der Schlaf. Verschiedene Studien legen nahe, dass die Reinigung vor allem im schlafenden Gehirn passiert. Und selbst dann nicht durchgehend, erklärt Gabor Petzold: „Das ist nicht wie eine Waschmaschine, die eingeschaltet wird und die ganze Nacht irgendwie läuft.“

Vielmehr komme es auf die Schlafphase an. Das haben auch Maiken Nedergaard und ihre Kollegen 2019 bei Mäusen festgestellt. Ihr Fazit: Der Liquor-Fluss funktioniert besser, je tiefer der Schlaf. Allerdings hatten sie die Tiere für ihre Studie mit verschiedenen Medikamenten anästhesiert, statt natürlichen Schlaf zu messen – und wie übertragbar die Daten auf den Menschen sind, lässt sich auch hier nicht sagen. „Das Schlafverhalten von Mäusen unterscheidet sich deutlich von unserem“, sagt Neurologe Petzold.

Reinigt Schlaf das Gehirn?

Dazu, warum Schlaf vorteilhaft für das glymphatische System sein könnte, gibt es ebenfalls mehrere Theorien. So vergrößert sich bei Mäusen in dieser Zeit der extrazelluläre Raum, also die Bereiche um die Zellen herum, von etwa 14 Prozent im Wachzustand auf rund 24 Prozent im Schlaf. Das könnte dem Liquor ermöglichen, mit weniger Widerstand durch das Gehirn zu fließen. Zudem helfen möglicherweise rhythmische Schwingungen der Neuronen beim Schlafen, das Nervenwasser im Gewebe zu verteilen.

Neben der Nachtruhe könnten weitere Faktoren die Gehirnreinigung unterstützen. Mäuse, die vier Wochen lang immer wieder freiwillig in einem Laufrad rannten, hatten daraufhin ein aktiveres glymphatisches System. Das könnte etwa daran liegen, dass die wasserdurchlässigen Kanäle in den Gliazellen durch Bewegung vermehrt werden und der Liquor besser in das Gehirngewebe gelangt. Oder indirekt durch einen verbesserten Schlaf nach dem Auspowern. „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Sport beim Menschen ebenfalls helfen könnte“, sagt Gabor Petzold. „Auch die Ernährung mag eine Rolle spielen – aber das lässt sich noch viel schwerer nachzuweisen.“

Um das glymphatische System beim Menschen tatsächlich nachzuweisen und zu verstehen, sind neue Forschungswege nötig, betont Petzold. „Tierversuche können uns nur bis zu einem Punkt bringen – um wirklich einen klinischen Nutzen zu finden, müssen wir menschliche Untersuchungen möglich machen.“ Etwa mit Blick auf einen möglichen Zusammenhang zwischen dem glymphatischen System und der Alzheimerkrankheit. „Wenn wir diesen Mechanismus positiv beeinflussen könnten, wäre das eine Chance für Betroffene.“

  • informationsspiegel

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