
Die internationale Schuldenkrise hat sich weiter verschärft. Das geht aus dem neuen Report des Bündnisses Erlassjahr und des Hilfswerks Misereor hervor. „Die weltweite öffentliche Verschuldung hat mit über 100 Billionen US-Dollar einen nie dagewesenen Rekordwert erreicht“, sagt Malina Stutz, Politikreferentin bei Erlassjahr.
Obwohl die Verschuldung im Globalen Norden demnach höher ist, ist die Belastung im Süden viel extremer. Denn Staaten im Globalen Süden müssen einen viel größeren Teil ihrer Staatseinnahmen als Zinsen und Kreditrückzahlungen an Gläubiger im Ausland abdrücken als Staaten im Globalen Norden.
Im Schnitt bezahlen Länder im Globalen Süden 13 Prozent ihrer Staatseinnahmen. In den 44 Staaten, die der Report als sehr stark belastet einordnet, sind es mindestens 15 Prozent. Zwei Extremfälle bilden Angola mit 60 und der Senegal mit 39 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Quote bei 2 Prozent.
„Damit fließt ein untragbar hoher Teil der Staatseinnahmen ins Ausland ab und kann im Inland nicht mehr für zentrale Bereiche wie Bildung, Gesundheit oder Infrastruktur investiert werden“, sagt Stutz. Die Folge: eine Zuspitzung von Ungleichheiten und eine Mangelversorgung der Bevölkerung. Denn in den meistbelasteten Ländern ist Armut bereits ein Problem.
„Auslandsschuldenkrisen sind auch Krisen der Entwicklung“
„Wir sprechen dabei von Dingen, die für uns völlig selbstverständlich sind, wie fließendes Wasser, funktionierende Krankenhäuser, verfügbare Medikamente“, sagt Benjamin Rosenthal, Experte für Entwicklungsfinanzierung bei Misereor. Besonders betroffen seien Frauen und Menschen in ländlichen Regionen. „Auslandsschuldenkrisen sind auch Krisen der menschlichen Entwicklung“, so Rosenthal.
Benjamin Rosenthal, Misereor
Als Beispiel nennt der Experte Sri Lanka. Das Land durchläuft derzeit ein Programm des Internationalen Währungsfonds (IWF) und muss im Zuge dessen Kürzungen vornehmen, die besonders Kleinbäuer*innen treffen. Betroffene – besonders Frauen – versuchen, sich mit privaten Mikrokrediten über Wasser zu halten. Mit fatalen Folgen: In den vergangenen Jahren wurden mehrere 100 Suizide von Frauen in Zusammenhang mit dieser Verschuldung gebracht.
Aktuell wird die internationale Schuldenkrise durch den Krieg in der Golfregion zugespitzt. „Hohe Energie- und Lebensmittelpreise belasten die Staatshaushalte zusätzlich“, sagt Rosenthal. Das werde unweigerlich zu höheren Kreditkosten und Kapitalabflüssen führen. Dadurch würde etwa der Erhalt von sozialer Infrastruktur wie Schulen und Krankenhäuser noch schwieriger.
Nicht nur die geopolitische, sondern auch die Klimakrise wirken sich auf die Schuldenlage aus: „Wetterextreme durch den Klimawandel erschweren die Lage weiter. Das Erreichen der globalen Nachhaltigkeitsziele rückt in weite Ferne“, sagt Matin Qaim, Direktor vom Zentrum für Entwicklungsforschung von der Uni Bonn zur taz.
Das zeigt sich auch darin, dass verschuldete Länder oft unter Druck geraten, Rohstoffe für den Export bereitzustellen. Dadurch käme es zu Abgaben an den Globalen Norden, ohne dass diese Länder lokale Wertschöpfung generieren können, so Rosenthal.
Der Süden generiert, der Norden profitiert
Die drastische Ungleichheit zwischen Nord und Süd ist Folge einer „multiplen Benachteiligung von Ländern im Globalen Süden im globalen Finanzsystem“, so Stutz. Das zeigen deutlich höhere Zinssätze und Kapitalabflüsse.
In manchen Fällen ist die Verschuldung dadurch so extrem, dass sie nur durch einen weiteren Kredit getilgt werden kann – wie etwa in Kenia 2024. Betroffene Staaten geraten dadurch in einen Teufelskreis, in dem sie durch kletternde Zinssätze und Inflation gefangen bleiben, auch wenn sie den ursprünglichen Kredit durch Zinsen bereits mehrfach zurückgezahlt haben.
Die wichtigste Gläubigergruppe stammt laut dem Schuldenreport aus dem privaten Sektor. Akteure wie Investmentfonds, Banken, Rohstoffunternehmen und Versicherungen halten etwa 60 Prozent der Forderungen gegenüber Ländern im Globalen Süden. Gleichzeitig verlangen private Gläubiger auch die höchsten Zinssätze. 28 Prozent der Forderungen werden von multilateralen Institutionen wie dem IWF oder der Weltbank gehalten, die übrigen 12 Prozent von bilateralen Gläubigern, etwa einzelnen Staaten.
Um den humanitären und wirtschaftlichen Bankrott durch die Schuldenkrise aufzuhalten, fordern Expert*innen umfassende Reformen in der globalen Finanz- und Schuldenarchitektur. „Dazu gehören auch smarte Mechanismen zum Schuldenerlass“, so Qaim.
„Faire und verlässliche Schuldenerleichterungen sind kein Akt der Gnade“, erklärt Rosenthal. „Sie müssen zum integralen Bestandteil der internationalen wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenarbeit werden. Eine Zusammenarbeit, die Würde, Teilhabe und Entwicklung für alle Menschen ermöglicht.“






