Friedrich Merz und der Irankrieg: Desillusioniert von der „Drecksarbeit“

Kürzlich bejubelte der Kanzler das US-israelische Vorgehen in Iran, jetzt sieht er alles anders. Das offenbart seine außenpolitische Kurzsichtigkeit.

D ie Lernkurve des Kanzlers ist bemerkenswert. Vor neun Monaten bezeichnete Friedrich Merz die Angriffe Israels auf iranische Atomanlagen noch als notwendige „Drecksarbeit“, die Israel für seine westlichen Verbündeten erledige. Der völkerrechtswidrige Angriff auf Iran liege auch im deutschen Interesse, behauptete er. Nun zeigt er sich „desillusioniert“: Die USA und Israel hätten sich geirrt. Das „Problem“ mit Iran sei nicht innerhalb weniger Tage gelöst worden, wie sie es versprochen hatten. Ach!

Welche Illusionen hatte der Mann? Hat Merz ernsthaft den Beteuerungen aus Washington und Tel Aviv geglaubt, die Probleme mit Iran ließen sich durch einen Krieg in kurzer Zeit „lösen“? Schon im Januar zeigte Merz sich ja zuversichtlich, „die letzten Tage und Wochen“ des Regimes seien angebrochen. Da hatte das Regime die Proteste auf den Straßen des Landes gerade blutig niedergeschlagen. Experten warnten, massives Bombardement werde das Regime eher noch festigen. Doch Israels Premier Netanjahu fand in Donald Trump einen Dummen, der ihm glaubte, dieses Rezept könne zum Erfolg führen. War Merz etwa auch so naiv?

Es waren leider keine humanitären, menschen- oder völkerrechtlichen Bedenken, die zum Sinneswandel des Bundeskanzlers geführt haben, sondern der Blick auf die Energiepreise, die weltweit in die Höhe schnellen. Und noch immer schreckt Merz davor zurück, gegenüber Israels Premier Netanjahu andere Saiten aufzuziehen, dabei hat der sich das Desaster mit eingebrockt. Im Gegenteil: Deutschlands Außenminister findet es „unangebracht“, auch nur das Assoziierungsabkommen der EU mit Israel zu stoppen. Das Ausbleiben jeglicher Konsequenzen animiert Israels Regierung dazu, in Libanon weiter Krieg zu führen.

=”” span=””>

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

=”” div=””>

Die iranische Führung habe die USA gedemütigt, ätzt Merz nun. Doch das gilt auch für Europa und Deutschland. Nun scheint es im deutschen Interesse zu liegen, mit dem iranischen Regime zu verhandeln. Solch eine Kehrtwende spricht nicht für außenpolitischen Tiefgang und Prinzipien, sondern für ziemliche Planlosigkeit.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei!

Jetzt unterstützen

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Die Wahrheit: Die unaufgeregte Demokratie
    • June 22, 2026

    Beim Steffen-Bilger-Ähnlichkeitswettbewerb in Vaihingen an der Enz müssen die Kandidaten die enorme Vielschichtigkeit des Parlamentariers abbilden. mehr…

    Weiterlesen
    Ein Reise aus dem Hotelzimmer: Nicht jeder, der dich aus der Scheiße zieht, ist dein Freund
    • June 22, 2026

    Während Generäle die Welt erklären, erzählt ein alter Terence-Hill-Western eine andere Geschichte. Und vermittelt die Sehnsucht nach neuen Helden. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Die Wahrheit: Die unaufgeregte Demokratie

    • 7 views
    Die Wahrheit: Die unaufgeregte Demokratie

    Ein Reise aus dem Hotelzimmer: Nicht jeder, der dich aus der Scheiße zieht, ist dein Freund

    • 7 views
    Ein Reise aus dem Hotelzimmer: Nicht jeder, der dich aus der Scheiße zieht, ist dein Freund

    Origineller Ansatz in Frankreich: „Hast du deinen Drogentest bereits gemacht?“

    • 6 views
    Origineller Ansatz in Frankreich: „Hast du deinen Drogentest bereits gemacht?“

    Forscher zu deutschem Protestpotential: „Damals war die Situation günstiger“

    • 7 views
    Forscher zu deutschem Protestpotential: „Damals war die Situation günstiger“

    Israel und Donald Trump: Vom Bumerang getroffen

    • 7 views
    Israel und Donald Trump: Vom Bumerang getroffen

    Häufig den Beruf wechseln: „Man kann sein Leben nicht planen“

    • 7 views
    Häufig den Beruf wechseln: „Man kann sein Leben nicht planen“