
taz: Frau Hermann, Ihr neues Buch heißt „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. Sie möchten zurückgehen in der Zeit, um was zu tun?
Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit, um Zeit aufzuheben. Es ist unmöglich, in der Zeit zurückzugehen, und die Vorstellung, es dennoch tun zu können, bedeutet, die Zeit dazu zu bringen, die Waffen zu strecken? Die Zeit ist unzugänglich, sie ist entweder Vergangenheit oder sie ist Zukunft. Zurückzugehen in der Zeit hieße, sich die Zeit zugänglich zu machen, um Zusammenhänge herstellen zu können zwischen dem Heute und dem Damals.
taz: Ihr Buch kreist um Ihren Großvater mütterlicherseits, der bei der Waffen-SS gewesen ist, ein offenes Geheimnis in Ihrer Familie. Sie schreiben, dass er für Sie in einer Art Zwischenwelt lebt und fragen sich, ob Sie ihn erlösen, indem Sie über ihn nachdenken. Würden Sie das denn gern?
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Zur Buchmesse in Leipzig 2026 erscheint wieder die Literataz – diesmal schon vorab in der wochentaz vom 14. März. Darin geht es um die neuen Bücher von Judith Hermann, Carla Hinrichs, Judith Holofernes, Siri Hustvedt, Michal Hvorecký, Hasan Kikić, Rinah Lang, Dorota Masłowska, Sophia Merwald, Quinn Slobodian, Eva von Redecker, Christoph Ribbat, Lukas Rietzschel, Kuku Schrapnell, Ben Tarnoff, Curtis Sittenfeld, Ronen Steinke, Yasemin Toprak, Michael Wildenhain. Alle Texte zur Buchmesse finden Sie in unserem Schwerpunkt auf taz.de.
Die taz ist wieder mit einem eigenen Stand vor Ort, an dem in zahlreichen Talks mit Autor:innen diskutiert wird – live auf der Bühne in Halle 5 und als Stream im youtube-Kanal der taz.
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Hermann: Nein, ich würde ihn nicht erlösen wollen. Aber ich habe durchaus befürchtet, ihn unfreiwillig zu erlösen, schlicht, indem ich mir Gedanken über ihn mache. Ich wollte ihn nicht erlösen, sondern im Gegenteil hervorholen und ausliefern.
taz: Im Buch erzählen Sie von Ihrer Reise ins polnische Radom, in dem Ihr Großvater höchstwahrscheinlich an Massenmorden beteiligt war, dann von Ihrem Besuch bei Ihrer Schwester in Italien. Hätten Sie auch von anderem erzählen können, um über Ihren Großvater zu schreiben?
Judith Hermann
Judith Hermann (geb. 1970) ist Schriftstellerin und erlangte mit ihrem Debüt, dem Erzählband „Sommerhaus, später“ (1998), großen Erfolg. Es folgten drei weitere Erzählbände, ihre Frankfurter Poetikvorlesungen und zwei Romane. Ihr letzter, „Daheim“, wurde 2021 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Hermann: Jedes Buch gelangt Satz für Satz an eine Weggabelung, an der sich die Dinge in diese oder jede Richtung entwickeln können. Jedes Buch entscheidet sich also Satz für Satz. Aber diese Entscheidung fälle nicht nur ich, die fällt auch der Text und tatsächlich entscheiden auch die Protagonisten dieses Textes. Fakt ist, dass das Buch aus drei Teilen besteht und der erste ist durchaus autobiografisch. Der Weg zu meinem Großvater führte über das Schweigen meiner Mutter hin bis nach Radom. Ich konnte diesem Schweigen meiner Mutter nur an einem konkreten Ort nachgehen. Der Fortgang des Buches hat sich aus diesem autobiografischen Material ergeben – ich hätte von nichts anderem erzählen wollen. Nicht erzählen können.
taz: In Kritiken zu diesem Buch wurde Ihnen das „Literarisieren“ des Falls vorgeworfen, dass Sie kreisen würden um diese Leerstelle, die Ihr Großvater war, anstatt hineinzustechen. Aus welchem Impuls heraus haben Sie sich mit Ihrer Familiengeschichte beschäftigt, der nicht nur im Älterwerden Ihrer Mutter bestand, wie Sie eingangs des Buchs schreiben?
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Judith Hermann: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“.S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026. 160 Seiten, 23 Euro
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Hermann: In eine Leerstelle kann man nicht hineinstechen? Man stößt auf nichts, es ist nichts darin, was in Worte zu fassen wäre. Die Leerstelle ist nicht beschreibbar, sie ist im historischen Sinn unbeschreiblich. Ich glaube, Teil des Problems ist die Erwartung einer Aussage. Ich darf hier nicht persönlich sein, ich sollte etwas Übergeordnetes sagen. Ich kann aber nichts Übergeordnetes sagen, ich kann nur über dieses weiterhin offene, weiterhin schreckliche Geheimnis meiner Familie wiederholt nachdenken, und ich meine zu wissen, dass meine Motivation trotz allem richtig ist. Es ist kein Buch über eine historische, allumfassende Aufarbeitung. Es ist ein Buch über das Schweigen und den Umgang mit dem Schweigen in der Familie.
taz: Es ist ein Buch über das Schweigen, aber Sie drängen Ihre Familie auch nicht, das Schweigen zu brechen, zumindest schreiben Sie davon nicht.
Hermann: Ja, ich dränge meine Familie nicht. Ich nehme nicht an, dass es Sinn machen würde, sie zu drängen. Ich bin in diesem Buch paradoxerweise auch eine Anwältin meiner Mutter. Meine Mutter hat ihren Vater verloren, als sie volljährig wurde, in den Jahren davor war er abwesend, ihre Eltern hatten sich getrennt. Meine Mutter hatte für eine Anklage ihrerseits nicht viel Gelegenheit gehabt, ich möchte das erwähnen, es gehört zu ihrem Umgang mit ihrem Vater dazu. Natürlich wäre ich innerhalb meiner Familie mit den Fragen zu meinem Großvater mehr als gern weniger allein. Ich werde nicht aufhören, das Gespräch mit den anderen zu suchen, das Buch ist Teil dieses Versuchs. Was sich daraus ergeben wird, findet dann außerhalb des Buchs statt. Danach.
taz: Niemand kann etwas dafür, wo, wann und von wem er geboren wird. Besteht die Verantwortung, seine eigene Herkunft in den Blick zu nehmen, darin, sie zu versuchen zu verstehen oder sie bloß offenzulegen?
Hermann: Offenlegen und Verstehen scheinen mir zwei verschiedene Schritte auf einem Weg zu sein. Sie haben eine Reihenfolge – offengelegt zu haben, dass mein Großvater an der Auflösung des Radomer Ghettos beteiligt gewesen ist, ist ein Anfang und heißt aber in keiner Weise, zu verstehen, dass er daran beteiligt gewesen ist. Aus diesem Anfang entwickeln sich unzählige Fragen. Zum Beispiel die Frage, wie es möglich gewesen ist, dass er nach dem Krieg in seine Familie zurückgekehrt ist, ein ganz normales Leben geführt hat, sozial eingegliedert gewesen ist. Die Suche nach einer Erklärung beginnt nach dem ersten Schritt, nach der Kenntlichmachung, der Offenlegung der Herkunft. Und für diese Offenlegung empfinde ich Verantwortung, ja.
taz: In meiner Vorstellung schreibt man im Bewältigen der Vergangenheit die Dinge von sich weg; man beschreibt sie, um sich von ihnen zu lösen. Bei Ihnen erfolgt die Bewegung offenbar andersrum, Sie schreiben sich die Dinge heran, mehr Dinge hinzu.
Hermann: Ich schreibe Dinge auf, um sie aufzuheben, um sie zu bergen und dann in gewisser Weise abzuschließen. Aufschreiben macht Geschichten zu geschlossenen Fällen, zumindest für mich. Bei diesem Buch ist das tatsächlich andersherum. Es ist nicht das Ende der Begegnung und erst recht nicht das Ende der damit verbundenen Geschichte.
taz: Sie schreiben, dass das Buch scheitern muss, wenn Sie über Ihren Großvater, diese Leerstelle schreiben. Wer entscheidet eigentlich über das Scheitern; Sie oder die Leser:innen?
Hermann: Nun – ich sehe es so, dass das Buch auf eine Weise scheitern muss. An der Leerstelle in seinem Zentrum scheitern muss. Es ist also ein gescheiterter Text und dennoch – ein Text. Das Scheitern gehört zum Text dazu, es ist immanent. Die Alternative wäre gewesen, gar keinen Text zu schreiben. Ich habe diese Alternative nicht als richtig empfunden.
taz: Entsteht durch die Beschäftigung mit dem eigenen Leben eine andere Art von Verantwortlichkeit als beim Schreiben fiktionaler Texte? In Ihren Frankfurter Poetikvorlesungen nennen Sie ein eigentlich banales Beispiel, Sie schreiben, wie Sie ein Treppenhaus hochsteigen, ohne den Lichtschalter zu betätigen und schreiben weiter, dass Sie das in einer Erzählung einfach so stehen gelassen hätten und nicht begründet. Sie begründen es auch in der Vorlesung nicht, aber Sie weisen zumindest hin auf diese Konstruiertheit.
Hermann: An und für sich habe ich eine Verantwortung mir selbst gegenüber, dem Text gegenüber und eine für seine Figuren. Wenn ich also weiß, warum ich den Lichtschalter nicht betätige, ist das ausreichend, ich muss es aber explizit wissen, ich müsste es im Ernstfall vor mir selber dezidiert begründen können, dann darf ich es als Stilmittel anwenden. Kann ich es nicht begründen, muss ich verzichten. In diesem Buch aber gibt es über diese Eigenart hinaus nun eine ganz andere, vielleicht eine neue Verantwortung, die ich noch nicht formulieren kann. Ich nehme an, dass sich das ändern wird.
taz: Ich lese aus den negativen Kritiken auch einen gewissen moralischen Anspruch heraus, dass aus der Spurensuche in der eigenen Familie mehr folgen müsste. Wobei diese Folgen meist persönlicher, menschlicher Art sind. An den Verhältnissen, dass der Wohlstand in diesem Land heute zu großen Teilen auf dem Nationalsozialismus fußt, auf Unternehmen, die von Enteignungen und dem Morden profitiert haben, ändert sich dadurch eher weniger. Sie schreiben im Buch, dass Sie „Die Unfähigkeit zu trauern“ von Alexander und Margarete Mitscherlich lesen. Laut den Autor:innen lenkten sich die Deutschen von der Aufarbeitung mit der NS-Zeit mit dem sogenannten Wirtschaftswunder ab.
Hermann: Nach Mitscherlich ist die Energie und die Kraft, die für Aufarbeitung gebraucht worden wäre, ins Wirtschaftswunder eingegangen, ja. Das ist eine ausgesprochen unheimliche Vorstellung für mich. Der moralische Anspruch mancher Kritiker ist in Ordnung, ich kann ihm nicht gerecht werden, und ich will ich ihm auch gar nicht gerecht werden. Dennoch scheint es so zu sein, dass es durch die unerfüllte Erwartung doch zu einer Auseinandersetzung gekommen ist, zu einer Kommunikation. Wie kann über den Nationalsozialismus in der dritten, in der vierten Generation nachgedacht werden, wie kann über ihn gesprochen, geschrieben werden? Ich habe den Eindruck, dass wir alle noch immer ganz am Anfang der sogenannten Aufarbeitung stehen.






