N icole Werner will einen Kassenbon. Die Kassiererin bei Rossmann zögert, das Bonpapier ist heute knapp: „Deutschland is pleite“, verkündet sie und hebt die Arme. Werner legt Müllbeutel, Slipeinlagen und Feuchttücher in den Einkaufswagen, die beiden lachen. Vielleicht auch, weil die Aussage der Kassiererin die generelle Stimmung im Land an diesem Freitagvormittag Anfang Mai gut zusammenfasst.
In der Straße von Hormus beschießen sich die USA und der Iran, der Bundesrat kippt die beschlossene Entlastungsprämie für Arbeitnehmer:innen, die Inflation erreicht im März den höchsten Stand seit Januar 2024. Und Frau Werners Einkaufsliste ist so lang wie jeden Freitag.
Auf dem Parkplatz vor dem Drogeriemarkt ruft ihr eine Bekannte zu: „Du gesch nur shoppe!“, und das trifft das, was Frau Werner tut, ganz gut: Sie geht einkaufen. Für zwölf Senior:innen in einer Pflegegruppe im rheinland-pfälzischen Neuburg am Rhein, direkt an der baden-württembergischen und französischen Grenze.
Seit Beginn des Kriegs zwischen Iran auf der einen und den USA und Israel auf der anderen Seite im Februar steigen nicht nur die Spritpreise. Je länger der Krieg anhält, desto stärker sind auch die Lieferketten und damit die Lebensmittelpreise betroffen. Ökonomen gehen davon aus, dass es noch einige Monate dauern wird, bis Düngemittel- und Energiepreise das Ende der Lieferkette, also die Menschen im Supermarkt, erreichen.
Und trotzdem: Schon jetzt werden auch Transport und Produktion teurer. Der Preisschock fängt gerade erst an. Die Inflation trifft die Schwächsten zuerst, und Frau Werner ist gleich für zwölf von ihnen zuständig. Und auch sie selbst hatte es nicht immer leicht.
Mehr Geld für gleichen Einkauf
Bevor Nicole Werner loszieht, notiert sie auf einem Zettel alles, was sie kaufen muss: Paprika, Essigessenz, Trockenkuchen, Backpulver, Knoblauch, Blätterteig, Eier, Frischkäse stehen darauf. Angebote aus den Prospekten stehen auf einem weiteren Zettel. Damit sie weiß, wo es am günstigen ist. Der Einkauf soll für vier Tage reichen. Dabei hat sie ein Budget von 200 bis 250 Euro aus der Haushaltskasse der Wohngruppe. Auch an diesem Freitag Anfang Mai.
Neben Lebensmitteln kauft sie davon auch Putzmittel oder Servierten, manchmal auch einen neuen Topf. Es werde jedoch immer schwieriger, mit dem gedeckelten Budget auszukommen, besonders gegen Ende des Monats, sagt sie.
Nicole Werner ist in Neuburg aufgewachsen und sagt von sich, sie sei eine „Babbel Gosch“, also jemand, der gerne quatscht. Besonders leidenschaftlich wird Werner, wenn es um den Umweltschutz geht – auch beim Einkaufen. Mit ihrem Mann schaut sie gern Reportagen über die Lebensmittelproduktion, zuletzt über Geflügelhaltung.
Die 55-Jährige trägt türkisen Kajal unter den Augen, hat ein Om, ein Zeichen unter anderem aus dem hinduistischen Glauben, auf den Unterarm tätowiert und eine braune Bauchtasche um die Hüfte geschnallt. Darin verwahrt die gelernte Einzelhandelskauffrau die Kassenzettel, ihr Handy und den Geldbeutel.
Die Wohngemeinschaft, für die sie einkauft, soll in der ländlichen Region eine Alternative zum klassischen Heim sein. Träger ist der Bürgerverein Neuburg. Um die Bewohner:innen kümmern sich ein ambulanter Pflegedienst, ein 24-Stunden-Betreuungsdienst und ehrenamtliche Helfer:innen. Die Pauschale für einen Platz in der Wohngemeinschaft liegt inklusive Miete bei rund 2.100 Euro im Monat, je nach Größe des Zimmers. Das sind knapp 1.000 Euro im Monat weniger als ein durchschnittlicher Heimplatz in Deutschland kostet.
Leiterin Arnika Eck befürchtet allerdings eine „drastische Nebenkostenerhöhung“. Auch wenn die Wohngruppe bereits mit einer Wärmepumpe heize: „Wir wissen noch nicht, was uns droht“, sagt sie am Telefon. Eine Bewohnerin könne sich die Pauschale schon jetzt nicht leisten und muss deshalb zusätzlich beim Sozialamt Hilfe zur Pflege beantragen. Eck befürchtet, dass die Bewohnerin bald kein Einzelfall mehr sein könnte.
„Der Wahnsinn die Preise, oder?“
An diesem Freitagvormittag war Werner bereits im Dorfladen: Sie hat dort Äpfel, Eier und Salat für 18,24 Euro gekauft. Werner sagt, da mache der Preis keinen großen Unterschied zu regulären Supermärkten – außerdem will sie ja auf die Umwelt achten. Noch ist ihr Einkaufszettel noch lang. Nach Rossmann und dem Dorfladen bleiben ihr vom Budget noch 217,47 Euro.
Foto: Miriam Stanke
Werner steuert mit ihrem Auto ein paar Häuser weiter zu Netto. Eigentlich fährt sie einen Golf. Doch neulich hat sie für eine Tankfüllung zum ersten Mal überhaupt 100 Euro bezahlt. Jetzt parkt der Golf in der Hofeinfahrt, und Werner nimmt, wann immer es geht, das E-Auto ihres Mannes.
Daran hat für sie auch der Tankrabatt nichts ändern können, der eine Steuererleichterung von 17 Cent auf Benzin und Diesel seit dem 1. Mai vorsieht. Inzwischen wird der auch fast vollständig an die Verbraucher:innen weitergegeben, wie die unabhängige Monopolkommission zuletzt Anfang der Woche meldete.
Während Werner den Einkaufswagen am Kühlregal vorbeischiebt, erklärt sie, dass der große Joghurt nicht immer günstiger sei als viele kleine Packungen. Ein Verkäufer bleibt stehen und will auch etwas sagen: „Der Wahnsinn die Preise, oder? Seit Jahren steigen die ins Unendliche.“ Tatsächlich sind die Preise für Nahrungsmittel zwischen 2021 und 2025 um fast 32 Prozent gestiegen. Teilweise schwanken die jedoch, gehen in manchen Fällen sogar zurück, so das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft.
Die Ursachen sind dabei komplex: Da war die Coronapandemie, der Ukrainekrieg und die anhaltend hohe Inflation, zuletzt der Krieg in Iran. Laut Verbraucherzentrale aber auch Missernten durch den Klimawandel und eine intransparente Preispolitik der Unternehmen. Auch deshalb fordert sie das Bundeskartellamt auf, die Preisentwicklung genauer zu untersuchen.
Weniger für die Mitte
Während Werner den Einkaufswagen durch den Netto schiebt und feststellt, dass der Kaffee, den sie sonst für 5,99 Euro kauft, einen Euro teurer geworden ist, kippt der Bundesrat die Entlastungsprämie von 1.000 Euro. Die hätten Unternehmen als Krisenbonus steuerfrei an ihre Beschäftigten zahlen können.
Die Kritik: Selbstständige, Studierende oder Rentner wären leer ausgegangen, nicht alle Unternehmen hätten den Bonus an ihre Beschäftigten zahlen können und Ländern und Kommunen wären Steuereinnahmen weggebrochen.
Von der Prämie hatte Werner davor noch nichts gehört. Dabei hätte sie das Geld gut gebrauchen können: Denn sie arbeite zwar hart, am Ende des Monats bekäme sie jedoch kaum etwas raus. Stattdessen würde ihr ein großer Anteil für Steuern, Krankenversicherung und Rente abgezogen. 560 Euro netto verdient Werner im Monat, in ihrem Midijob arbeitet sie im Durchschnitt 20 Stunden die Woche. Hinzu kommt eine Ehrenamtspauschale.
Für einen Urlaub in Schottland mit ihrem Mann habe sie drei Jahre sparen müssen. Auch sie müsse auf immer mehr verzichten, sagt Werner, und verstehe nicht, wieso nicht mal Politiker auf Diäten verzichteten, oder die belastet werden, die 200.000 Euro im Jahr verdienten.
Theoretisch will SPD-Finanzminister Lars Klingbeil, was Frau Werner will: Vermögende sollen mehr schultern, um die mit weniger Geld, wie Frau Werner, zu entlasten. Eine Steuerreform soll das leisten, schon ab Januar 2027 soll die kommen. Nur wie das finanziert werden soll, darüber streitet die Regierung: Klingbeil und die SPD wollen den Spitzensteuersatz anheben oder sogar eine höhere Erbschaftsteuer.
Kanzler Friedrich Merz und seine CDU-Fraktion sind dagegen. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn schlug stattdessen vor, Subventionen per Rasenmähermethode zu streichen: minus 5 Prozent auf alles.
Am Dienstagabend fanden sich die Spitzen der Koalition zum Krisengespräch zusammen. Auch über eine Alternative zur gekippten Entlastungsprämie wollte man sprechen. Danach hieß es von Fraktionschef Spahn und CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann, das Thema sei vom Tisch. Ansonsten stand nur eines fest: Konkrete Ergebnisse gibt es erst mal keine.
Aus Regierungskreisen hieß es lediglich, man sei „sich einig, dass die anstehenden Reformen abgestimmt in den nächsten Wochen auf den Weg gebracht werden sollen.“ Dafür sei „ein Arbeitsprozess“ vereinbart worden. Weniger substanziell geht es kaum.
Vor der Zukunft hat Nicole Werner Angst, sagt sie. Ein Zimmer, wie in der Wohngruppe in Neuburg, wird sie sich nicht leisten können – sie rechnet mit einer Rente von 700 Euro. Zu ihrem Mann habe sie schon gesagt: „ich sterbe einfach davor, dann haben wir das Problem nicht.“
Werner hat mit 18 Jahren eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel bei einem Baumarkt in Karlsruhe gemacht. Ganze Paletten mit Fliesen oder 20 Kilo Gips in Regale zu heben, das schaffte ihr Körper auf Dauer nicht. Danach wechselte sie oft den Job: Sie saß zuerst bei der Arbeiterwohlfahrt im Büro, dann bündelte sie am Fließband Lieferscheine und bog Brillenbügel zurecht.
Werner fand einen Job bei der Caritas im Sekretariat, jobbte im Theater, bereitete dort in der Küche Canapés und Rote Grütze vor, wärmte Gulaschsuppe auf, verkaufte in der Pause am Büfett Wienerle und Sekt. Um halb eins in der Nacht war sie wieder zu Hause.
Dann hatte ihr Vater einen Arbeitsunfall: Bei einer Inspektion in einer Fabrik stürzten gestapelte Tiefkühlwaren auf ihn und zertrümmerten ihm das Bein. Kurz darauf hatte er einen Schlaganfall, konnte nicht mehr laufen. Um Wäsche zu waschen, rutschte er auf dem Hintern durch die Wohnung, den Wäschekorb auf dem Schoß, zur Waschmaschine in den Keller, so erzählt es Werner. Es folgten weitere Schlaganfälle, 1997 der letzte – danach konnte er nicht mehr schlucken und sprechen.
Nicole Werner kümmerte sich. Das hieß aber auch: Vollzeit arbeiten war unmöglich und auch Teilzeit nicht einfach, denn wie pflegt man einen Menschen Teilzeit, der den ganzen Tag nicht schlucken kann? Werners Mann arbeitet als IT-Techniker, sein Gehalt allein reichte nicht fürs Leben. Nicht arbeiten war keine Option, also fing Werner wieder an: Erst an einer Tankstelle, später schob sie für 2,50 Euro die Stunde Grußkarten in Plastikfolie und klebte die zu.
Weil die Karten oft mit Gold bedruckt waren, bekam sie davon ein Ekzem an der Hand. Danach holte sie morgens um halb sechs Uhr in der Frühe ein Bus ab, damit sie in Karlsruhe beim Fraunhofer-Institut Büros und Toiletten putzte.
Nicole Werner
In der Zeit schlief sie kaum, nachts stürzte ihr Vater oft, sie hatte Panikattacken. 2006 holte sie sich Hilfe: Für eine Pflegekraft aus Polen ging die komplette Rente ihres Vaters drauf. Werner musste wieder arbeiten, begann in der Gastronomie und blieb dort sieben Jahre. 2010 bekam ihr Mann und ihr Vater Darmkrebs. 2012 starb ihr Vater. Werner kam mit Burnout in eine Klinik. Fünf Jahre später hörte sie in der Gastronomie auf – Bandscheibenvorfall. Wenn man Werner fragt, zu welcher Schicht sie sich zählen würde, dann sagt sie: „Mittelschicht, auch wenn ich merke, wie die Mitte schwindet“.
Der kleine Luxus
Als die Pflegegruppe in Neuburg 2018 öffnete, fragte Werner, ob sie dort einen Job für sie hätten, „was ganz Leichtes“. Nur pflegen wolle sie nicht, das könne sie nach ihrem Vater nicht mehr. Also spielte sie „Mensch ärgere dich nicht“ mit den Bewohner:innen oder ging mit ihnen spazieren. Ein bisschen bei der Pflege half sie dann doch. Irgendwann wurde eine Stelle frei: Speisepläne erstellen, Einkäufe organisieren, einmal die Woche kochen. Werner übernahm, arbeitete sich rein, erstellte Listen, sprach mit den Bewohnern darüber, was sie die nächste Woche essen wollen.
Heute weiß sie, dass sie am liebsten Mini-Eis mögen und die Teesorten „Türkischer Apfel“ und „Spanische Orange“. Also kauft sie die ein, obwohl sie etwas teurer sind. Sie lernte, wie man für viele Menschen mit einem knappen Budget einkauft und kocht – das sei nicht immer leicht gewesen, sagt sie, „aber mittlerweile macht mir das Spaß“.
Wenn Frau Werner nicht da ist, dann plant sie die Einkäufe im Voraus, erstellt Speisepläne, weil es sonst niemand macht. Einmal, 2022, hat sie sich beim Gassigehen mit dem Nachbarshund die Schulter zertrümmert, nachdem sie der Hund über eine Wiese gezerrt hatte. In der WG hatte sich niemand zugetraut, die Einkäufe zu übernehmen. „Also hab ich mich mit Schmerzmitteln vollgepumpt und auf den Beifahrersitz gesetzt“, sagt sie, um die Kollegin zu begleiten. Mit dem gesunden Arm tippte sie mit einem Finger die Speisepläne in den Computer.
Beim Discounter am Band braucht Werner eine ganze Weile, bis alle Produkte auf dem Band liegen. Der Einkauf wird 250,32 Euro kosten. Sie beugt sich über den Einkaufswagen, schaut auf den Kassenbon: „Boah, das war viel“. Schon jetzt hat sie das eigentliche Budget für heute überschritten.
Vor drei Jahren sei sie bei Netto mit 150 Euro rausgegangen, selten waren es mal mehr als 200. Ein paar Dinge auf der Liste sind aber noch umkringelt, die hat sie nicht gefunden, oder sie waren zu teuer. Sie wird noch zu Edeka müssen. Letzte Woche sei sie in sechs Geschäften gewesen, bis sie alles bekommen habe, was sie benötigte.
Heute bleibt der Edeka ihre letzte Station. Dort kauft sie alkoholfreien Wein für einen Bewohner mit Alzheimer. „Ein ganz feiner Mann, der gern abends mal ein Gläschen Wein trinkt“, sagt Werner. Der Wein ist zwar etwas teurer, sie legt ihn trotzdem in den Einkaufswagen: „Damit er mit den anderen gemeinsam anstoßen kann.“ Das ginge zwar auch mit Traubensaft, aber Werner glaubt, dass er das merke, und das mache ihn dann traurig.
Als sie den Supermarkt verlässt, hat sie alles bekommen, was ihr noch gefehlt hatte. Das heutige Budget ist mittlerweile um 80 Euro überschritten. Vielleicht müsse sie künftig den alkoholfreien Wein doch ab und an weglassen, überlegt sie laut.







